Gute Nacht mit Fridolin

Folge 3 · 26. Juli 2026 · 45 Minuten

Alte Trockenmauern und ihre stille Welt

Heute Abend geht es um die alten Trockenmauern: graue Steine, die ganz ohne Mörtel halten, allein durch ihr Gewicht und das Geschick vieler Hände. Wir schauen einem uralten Handwerk zu, das die UNESCO zum immateriellen Kulturerbe erklärt hat, spüren die Wärme, die eine Mauer am Abend langsam wieder abgibt, und besuchen die kleine Welt aus Eidechsen, Wildbienen und genügsamen Pflanzen, die in ihren Fugen wohnt.

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Der ganze Text dieser Folge

Wort für Wort, wie Fridolin es erzählt. Zum Mitlesen, Nachschlagen oder Vorlesen.

Stell dir einen Hang vor, weit im Süden, am Abend. Die Sonne ist eben hinter den Hügeln verschwunden, und der Himmel trägt noch ein warmes, mattes Licht … ein Licht, das langsam zu Grau wird. Über den ganzen Hang ziehen sich Mauern. Graue Mauern aus Stein, eine über der anderen, wie flache, breite Stufen. Zwischen ihnen wachsen Reben, Reihe um Reihe, und ihre Blätter halten still in der lauen Luft. Die Steine sind noch warm. Den ganzen Tag haben sie die Sonne getrunken … und jetzt, wo es kühler wird, geben sie diese Wärme wieder zurück, ganz leise, ganz langsam. Leg deine Aufmerksamkeit für einen Moment auf diese Mauern. Grau … rau … vertraut. Nichts an ihnen ist laut. Nichts an ihnen will etwas von dir. Sie stehen einfach da, so, wie sie seit langem dastehen. Sie warten nicht. Sie eilen nicht. Sie sind einfach da, im letzten, weichen Licht des Tages. Und wir schauen ihnen einfach zu. Wir haben Zeit. Alle Zeit der Welt. Nichts, was wir tun müssten … nur zuschauen, wie das Licht ganz langsam vergeht. Stein liegt auf Stein.

Eine Trockenmauer ist eine Mauer ganz ohne Mörtel. Kein Zement … kein Kalk … nichts, was klebt und bindet. Jeder Stein liegt einfach da, gehalten von seinem eigenen Gewicht und vom Geschick der Hände, die ihn gelegt haben. Das ist alles. Und das ist genug. Man sucht für jeden Stein den Platz, an den er gehört … dreht ihn, wendet ihn, wiegt ihn in der Hand, und legt ihn dann ab. Und wenn er richtig liegt, dann liegt er … und bleibt. Kein Werkzeug hält ihn, kein Kleber, keine Schraube. Nur die Schwere und die Form … und der Stein daneben. Der Stein ist einer der ältesten Baustoffe der Menschen überhaupt. Lange bevor es gebrannte Ziegel gab, lange bevor es Beton und Zement gab, gab es den Stein. Man nahm ihn, so wie man ihn fand, und man baute mit ihm. Das Aufschichten loser Steine ist die älteste Form des Steinbaus, die wir überhaupt kennen. Schon vor sehr, sehr langer Zeit haben Menschen auf diese Weise gebaut. In Göbekli Tepe, an einem der ältesten Bauplätze der Welt, hat man Steine genau so aufeinandergesetzt. Ohne Mörtel. Nur Stein auf Stein. Dieselbe stille Handbewegung, über tausende von Jahren hinweg. Denk einen Augenblick daran. Dieselbe einfache Bewegung … damals … und heute noch. Ein Stein, gehoben, gedreht, gelegt. Ein Stein, und noch ein Stein, und wieder einer. Immer dieselbe ruhige Folge. Heben … drehen … legen. Und wieder von vorn. Stein liegt auf Stein.

Im Alpenraum nennt man solche Mauern Klaubsteinmauern. Klauben, das heißt so viel wie auflesen, aufsammeln, vom Boden nehmen. Denn die Steine, aus denen sie gebaut sind, wurden vom Feld aufgelesen. Man nennt sie darum Lesesteine. Steine, die man liest … so wie man früher die Ähren las, die auf dem Acker liegen blieben. Ein Stein nach dem anderen, in aller Ruhe, in den Korb, auf den Karren. Und diese Lesesteine haben etwas Merkwürdiges an sich. Sie wachsen nach. Nicht wirklich, natürlich … Steine wachsen nicht wie Pflanzen aus der Erde. Aber Jahr für Jahr kommen neue an die Oberfläche. Die Verwitterung arbeitet langsam am Fels, die Erosion trägt die Erde ab … und im Winter drückt der Frost die Steine von unten nach oben. Das nennt man Auffrieren. So schiebt der Boden im Frühjahr immer wieder frische Steine ans Licht. Wo eben noch ein glatter Acker war, liegen im nächsten Jahr wieder neue Steine da. Und wieder. Und wieder. Und die Bauern mussten die Äcker immer wieder ablesen, jedes Jahr aufs Neue. Es war eine Arbeit ohne Ende … eine geduldige, wiederkehrende Arbeit, so verlässlich wie die Jahreszeiten. Aus diesen gelesenen Steinen wuchsen dann Haufen. Man nennt sie Lesesteinhaufen. Und aus den Haufen wurden lange Reihen, die sich am Rand der Felder hinzogen … die Lesesteinwälle. Und aus den Wällen, mit etwas Geschick und etwas Zeit, wurden die Trockenmauern. So ist aus einer Mühe eine Mauer geworden. Aus dem, was im Weg lag, ist ein Halt geworden … aus dem Überflüssigen etwas Bleibendes. Stein liegt auf Stein.

Im Nordosten Deutschlands sieht das ein wenig anders aus, denn dort gibt es kein festes Gestein im Boden. Dort liegen die Steine, die einst die Gletscher der Eiszeit gebracht haben, aus fernen Ländern, über weite Wege. Man nennt sie dort Feldsteine. Steine, die einfach auf den Feldern liegen, ohne dass ein Fels in der Nähe wäre, aus dem sie stammen könnten. Von weit her gekommen, in kaltem, langsamem Eis. Und die großen, runden unter ihnen, die von den Gletschern über weite Strecken gerollt und geschliffen wurden, das sind die Findlinge. Findlinge … weil man sie findet, dort, wo man sie nicht gelegt hat. Auch aus ihnen hat man Mauern gebaut, und Wälle, und niedrige Zäune aus Stein. Große, runde Brocken, mühsam bewegt, sorgfältig geschichtet. Jeder Findling ein kleines Stück Eiszeit, still am Feldrand. Jede Gegend hat eben ihre eigenen Steine. Und jede Art Stein macht ihre eigene Art Mauer. Das ist eines der schönsten Dinge an dieser alten Kunst. Wo flache Sedimentplatten im Boden liegen, dort werden die Mauern fein und eben, fast wie sorgfältig gestapelte Bücher. Schicht auf Schicht, glatt und ruhig, mit dünnen, geraden Fugen. Wo aber runde Brocken herumliegen, dort werden die Mauern knorrig und wild, mit vielen kleinen Lücken und Buckeln. Sie sehen aus, als wären sie gewachsen und nicht gebaut. Und beide halten. Beide sind schön, jede auf ihre eigene Art. Die feine und die wilde … die glatte und die knorrige. Es gibt kein falsch, es gibt nur den Stein, den man gerade hat. Stein liegt auf Stein.

Es gibt drei Arten von Trockenmauern, und es lohnt sich, sie einmal ganz ruhig zu unterscheiden. Drei Arten, drei Aufgaben … und immer dasselbe Handwerk dahinter. Die erste steht frei. Sie trennt … ein Feld vom anderen, eine Weide vom Weg, ein Stück Land vom nächsten. Sie hat zwei schöne Seiten und trägt nichts als sich selbst. Die zweite ist die Stützmauer. Sie hält das Erdreich am Hang. Sie drückt zurück gegen den Berg, der immer nach unten will, immer, unaufhörlich, ganz langsam. Sie ist die fleißigste der drei, denn sie arbeitet Tag und Nacht, ohne Pause und ohne Klage. Sie hält, was sonst ins Rutschen käme … und niemand hört sie dabei. Und die dritte ist die Futtermauer. Sie kleidet eine Böschung aus, sie legt sich vor den nackten Hang wie ein Mantel. Sie schützt die Erde vor dem Regen und vor dem langsamen Abtrag. Drei Arten. Ein Handwerk. Immer dieselbe Ruhe. Die freie Mauer, die stützende Mauer und die schützende Mauer … alle drei aus losem Stein, alle drei ganz ohne Mörtel. Stein liegt auf Stein.

Wie baut man nun so eine Mauer? Man beginnt nicht oben. Man beginnt unten, tief unten, im Verborgenen, dort, wo später niemand mehr hinsieht. Zuerst hebt man den Grund aus. Man gräbt eine Rinne, so tief, dass die Mauer fest steht. Dann legt man eine Schicht Schotter hinein, kleine, lose Steine, dicht an dicht. Der Schotter trägt … und er schützt vor dem Frost, weil das Wasser ungehindert hindurchsickern kann und sich nirgends staut. Kein stehendes Wasser, kein Eis, kein Druck von unten. Darauf setzt man die großen Fundamentsteine, die schwersten, die man hat. Sie sind das Gedächtnis der Mauer. Alles, was später kommt, ruht auf ihnen … Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt. Dann wächst die Mauer nach oben. Aber nicht senkrecht, nicht steil wie eine Wand aus dem Baukasten. Unten ist sie breit, oben ist sie schmal. Sie lehnt sich ein wenig in sich selbst zurück, wie ein Mensch, der sich bequem hinsetzt und die Schultern sinken lässt. Diese leichte Neigung gibt ihr Halt … sie stützt sich auf ihre eigene Breite. Bei festem Boden misst die Basis etwa ein Drittel der Höhe. Ist die Mauer also drei Schritte hoch, dann ist sie unten einen Schritt breit. So einfach ist das Maß, so ruhig die Regel. Bei weichem Boden aber macht man sie breiter, bis zur Hälfte der Höhe. Je unsicherer der Grund, desto breiter der Fuß. Das ist eine einfache Weisheit, und sie stimmt für Mauern … und vielleicht auch für manches andere. Stein liegt auf Stein.

Eine gute Trockenmauer ist zweischalig. Das heißt, sie hat zwei Seiten, zwei Wände aus Stein, eine vordere und eine hintere. Sie ist wie ein Buch mit zwei Deckeln … und einem stillen Inneren dazwischen. Die schönste Seite jedes Steins zeigt man nach außen. Das flache, das ebene, das ruhige Gesicht … das kommt ans Licht. Was rau und wild ist, das wendet man nach innen. Zwischen den beiden Schalen bleibt ein Hohlraum, und den füllt man mit Schotter. Mit kleinen, losen Steinen … niemals mit Lehm. Das ist eine wichtige Regel. Denn Lehm würde das Wasser halten. Es sammelte sich, es gefröre im Winter, und das Eis drückte die Mauer langsam auseinander. Man nennt das Wasserlinsen … kleine Kissen aus Nässe, die man nicht haben will. Darum: Schotter, immer Schotter. Etwas, durch das das Wasser einfach fallen kann, ungehindert, bis es unten wieder in den Boden geht. Die Mauer soll trinken dürfen und wieder trocken werden.

Zwischen den großen Steinen bleiben immer Lücken. Diese Lücken haben einen eigenen Namen. Man nennt sie Zwickel … die kleinen, unregelmäßigen Zwischenräume, die kein großer Stein füllt. Und für die Zwickel gibt es eigene, kleine Steine. Man nennt sie Zwicker, oder Zwicksteine. Man klemmt sie hinein, man zwickt sie fest, bis nichts mehr wackelt … daher der Name. Das ist eine geduldige Arbeit. Ein kleiner Stein hier, ein Keil dort. Man dreht ihn, man versucht ihn, man legt ihn wieder weg und nimmt einen anderen, bis endlich einer passt. Und mit jedem Zwicker wird die Mauer ein wenig fester … ein wenig ruhiger in sich selbst. Kein Wackeln mehr, kein Spiel, kein Nachgeben. Bis alles sitzt. Bis alles hält. Ein Stein, ein Zwicker, ein kleiner Keil. Und noch einer. Und noch einer. Ganz ohne Eile, bis der letzte kleine Stein an seinem Platz liegt. Stein liegt auf Stein.

Es gibt zwei Regeln, die jeder kennt, der so baut. Zwei einfache Regeln, die eine lose Mauer erst zu einer festen Mauer machen. Die erste: Die Fugen werden versetzt. Eine Fuge, das ist die Linie zwischen zwei Steinen … und diese Linien dürfen nie durchgehen, nie senkrecht von oben nach unten laufen. Immer setzt man den nächsten Stein so, dass er die Fuge darunter überdeckt. Ein Stein über zwei, zwei Steine unter einem. So verzahnt sich die Mauer mit sich selbst. Keine Schwäche zieht sich dann von oben nach unten durch. Jeder Stein hält den nächsten fest, und wird von zwei anderen gehalten. Ein feines Netz aus lauter Verzahnungen. Die zweite Regel: der Binderstein. Etwa jeder dritte Stein wird als Binderstein gelegt … quer, mit der langen Seite tief ins Innere der Mauer hinein. Er bindet die beiden Schalen zusammen, die vordere und die hintere. Er hält, was sonst auseinanderfiele. Ohne ihn wären es nur zwei dünne Wände nebeneinander. Mit ihm ist es eine einzige, feste Mauer. Zwei Regeln also, mehr braucht es im Grunde nicht. Fugen versetzen … und binden. Das Übrige lehrt die Zeit und die Hand. Fugen versetzen … und binden. Ein Stein über zwei … und jeder dritte quer nach innen. So einfach ist das Geheimnis, das eine Mauer hundert Jahre stehen lässt.

All das braucht Erfahrung. Man lernt es nicht an einem Tag, und nicht aus einem Buch. Man lernt es mit den Händen, über Jahre, an vielen Steinen und vielen Mauern. Man lernt, welcher Stein wohin gehört, allein am Gefühl seines Gewichts. Man lernt, einen Stein anzusehen und schon zu wissen, wie er liegen will … welche Seite nach oben, welche nach außen. Und wer es kann, der baut eine Mauer, die hundert Jahre steht … und länger. Hundert Jahre … und mehr. Länger, als ein Mensch lebt. Länger, als man sich erinnern kann. Sie steht einfach da, durch die Jahreszeiten, durch die Jahre, durch die Menschenleben. Und gibt jeden Abend ihre Wärme zurück, so, als wäre nie Zeit vergangen. Durch den Frühling, durch den Sommer, durch den Herbst, durch den Winter. Und wieder von vorn. Die Mauer bleibt, während die Jahreszeiten kommen und gehen. Stein liegt auf Stein.

Am schönsten sieht man die Trockenmauern an den Hängen … dort, wo sie Terrassen bilden. Eine Terrasse ist eine ebene Stufe, die man in einen Abhang gebaut hat. Wo der Berg zu steil ist, um ihn zu bebauen, da macht die Mauer aus dem Abhang eine Treppe. Eine Treppe aus Gärten … Stufe über Stufe, jede eben, jede tragfähig, jede von einer Mauer gehalten. Auf der einen Stufe wachsen Reben. Auf der nächsten Oliven. Und weit im Osten, in anderen Ländern, auf ganz ähnlichen Stufen der Reis, im stillen, spiegelnden Wasser. Der Hang, der nichts trug, trägt nun alles. Nur weil jemand geduldig Stein auf Stein gelegt hat … und den steilen Berg in ruhige, ebene Flächen verwandelt hat. Stufe um Stufe, von unten nach oben. Jede Stufe eine Mauer, jede Mauer eine Fläche, jede Fläche ein kleiner Garten. Und über allem der Himmel. Diese Ackerterrassen sind uralt. Schon im Neolithikum, in der jüngeren Steinzeit, hat man auf den weichen Lössflächen so gearbeitet, um dem Hang eine Fläche abzugewinnen. Und gezielt, planvoll, mit richtigen Mauern aus Stein, tat man es seit der Bronzezeit. Über all die vielen Jahrhunderte hat sich an diesem Gedanken erstaunlich wenig geändert. Stein liegt auf Stein.

Man unterscheidet zwei Arten von Terrassen. Zwei Wege, dem Hang eine Fläche zu geben … der eine einfach, der andere aufwendig. Die Erdterrassen sind die einfacheren. Ihre Hauptaufgabe ist, den Oberflächenabfluss zu mindern. Das heißt: Sie halten das Regenwasser auf, damit es nicht den Hang hinunterschießt und die gute Erde mitnimmt. Das Wasser bleibt so, wo es gebraucht wird. Es sickert in Ruhe ein, statt davonzueilen. Die Erde bleibt liegen, statt ins Tal zu wandern. Und dann die Steinterrassen. Aufwendiger, dauerhafter, gebaut aus echten Trockenmauern. Sie sind für die Sonderkulturen da … für den Wein, für die Oliven, für alles, was besondere Wärme und Pflege braucht. Zwei Arten, ein Gedanke. Dem Hang eine Fläche geben, auf der etwas wachsen kann … und das Wasser und die Erde an ihrem Platz halten. Was fällt, wird aufgehalten. Was fortwill, wird gehalten. Die Mauer sagt dem Hang, ganz leise: bleib. Auf den Terrassen der Welt wächst allerlei. In Yunnan, in China, steigen die Reisterrassen in unzähligen Stufen den Berg hinauf, gefüllt mit stillem Wasser, das den Himmel spiegelt. Anderswo wächst der Wein, Reihe um Reihe, an den warmen Südhängen. Und wieder anderswo der Tee, in dichten, dunkelgrünen Büschen, die sich Stufe um Stufe den Hang hinaufziehen. Hoch in den Anden, in Südamerika, haben Menschen auf Terrassen Mais angebaut … und Quinoa … und Kartoffeln. Weit oben, wo die Luft dünn und kühl ist, hielten die Mauern die kostbare Erde fest. Schon in der Antike gab es solche Terrassen, zum Beispiel bei Pergamon, in der alten Stadt am Hang. Und näher, mitten in Europa, ziehen sich die Weinbauterrassen am Kaiserstuhl über die sonnigen Hügel. Überall dasselbe stille Bild. Stufen aus Stein … und auf ihnen das Grün. Ein Hang, verwandelt in eine Treppe aus Gärten. Stein liegt auf Stein.

Die Mauern an den Weinbergen können noch etwas ganz Besonderes. Am Tag trinken sie die Sonne. Die grauen Steine nehmen die Wärme auf, Stunde um Stunde, und speichern sie tief in sich. Und am Abend, wenn die Luft kühl wird und die Nacht heraufzieht, geben sie diese Wärme wieder ab. Langsam … gleichmäßig … über die ganze Nacht hinweg. So steht der Rebstock an einem Ofen, der keine Heizung braucht. Ein Ofen aus Stein, geheizt allein von der Sonne des Tages, ganz ohne Feuer, ganz ohne Holz. Die Trauben reifen in dieser milden Wärme, auch dann noch, wenn ringsum längst die Nacht gekommen ist. Die Mauer wärmt weiter … still, verlässlich, von selbst. Sie hat den Tag in sich aufgenommen, und jetzt gibt sie ihn ab. Ganz langsam, Stunde um Stunde, bis der Morgen kommt. Und niemand muss etwas dafür tun. Die Sonne, der Stein, die Nacht … alles arbeitet für sich, ganz von allein. Und dann das Wasser. Eine Trockenmauer ist durchlässig. Regen, der auf sie fällt, findet immer einen Weg hindurch … durch die Fugen, durch den Schotter, hinaus und hinunter. Nichts staut sich. Nichts drückt. Darum ist eine Trockenmauer oft haltbarer als eine Mauer aus Mörtel. Denn eine dichte Mauer hält das Wasser, und im Frost bricht das Eis sie langsam auf. Die Trockenmauer aber lässt das Wasser einfach gehen … und bleibt. Sie ist offen, und gerade darum ist sie dauerhaft. Was hindurchdarf, kann nichts zerbrechen. Auf den Terrassen hat das noch einen zweiten, schönen Sinn. Das Regenwasser versickert dort ganz langsam, Stufe um Stufe, von der oberen zur unteren. Es bleibt lange im Boden, und die Wurzeln der Reben trinken noch lange nach, wenn der Regen längst vorüber ist. Die Mauer hält das Wasser fest, ohne es zu stauen … sie gibt es ab, so langsam, wie sie die Wärme abgibt.

Trockenmauern findet man in vielen Ländern. In Irland, wo sie die grünen Felder in kleine, graue Kammern teilen, so weit man blicken kann. Ein Netz aus Stein über einer sanften, feuchten Landschaft. Im Norden Englands, in Wales, wo sie sich über kahle Hügel ziehen, über Höhen und durch Senken, ohne Ende. In ganz Südeuropa, an den warmen Hängen … in der Schweiz … in Österreich. Überall haben die Menschen ihnen eigene Namen gegeben. An der Nordsee heißt eine solche Mauer Friesenwall … gebaut aus Findlingen und Grassoden, aus Stein und aus Erde zugleich. Im Westen Spaniens nennt man sie Cortina. Auf den Balearen, den Inseln im Meer, heißt sie Tanca. Dieselbe Sache … und doch überall ein anderer, vertrauter Name. Und in Kroatien, im nördlichen Velebit, gibt es einen Wanderweg entlang der Trockenmauern. Über fünfzig Kilometer lang ist er. Fünfzig Kilometer Mauer … Stein an Stein, gelegt von Hand. Man könnte einen ganzen Tag daran entlanggehen und käme noch immer nicht ans Ende. Immer neue Steine, immer neue Fugen … und über allem der weite, stille Himmel. Man geht und geht, und die Mauer geht mit. Immer zur Seite, in gleichbleibender Höhe, ruhig dem Hang entlang. Und irgendwann vergisst man, wie lange man schon unterwegs ist. Stein liegt auf Stein.

Die Trockenbauweise ist überall auf der Welt zu Hause. In manchen Ländern hat man kleine, runde Hütten so gebaut … Bienenkorbhütten, weil sie aussehen wie ein Bienenkorb. Stein über Stein, jede Schicht ein wenig weiter nach innen gewölbt, bis sich das Dach ganz von selbst schließt. Kein Balken, kein Ziegel … nur Stein, der sich über den Raum neigt. In Schottland stehen die Brochs, alte, hohe Rundtürme aus trocken geschichtetem Stein. Auf der Insel Sardinien die Nuraghen … mächtige, schwere Kegel aus Stein, seit uralten Zeiten. Und die Talayots, wieder auf den Balearen, aus derselben stillen Kunst gebaut. Überall dieselbe Idee … Stein auf Stein, ohne Mörtel, zu Türmen, zu Hütten, zu ganzen Bauten. Und dann die Zyklopenmauern … benannt nach den Riesen der alten Sagen. Man nannte sie so, weil man sich kaum vorstellen konnte, dass gewöhnliche Menschen solche Steine bewegt haben sollten. Das Zyklopenmauerwerk besteht aus sehr großen, unregelmäßigen Steinen, sorgfältig aufeinandergeschichtet … ganz ohne waagerechte Lagerfugen. Die Steine passen sich einander an, jeder nach seiner eigenen Form. Kein Stein gleicht dem anderen, und doch fügt sich alles zusammen. Es ist, als hätten die Steine selbst zueinandergefunden … Kante an Kante, Rundung an Rundung. Stein liegt auf Stein.

Sogar die Römer, die den Mörtel gut kannten und viel damit bauten, haben manches ganz ohne ihn errichtet. Teile ihrer Aquädukte, der langen Wasserleitungen … die kein Wasser führten. Sie wussten, dass Stein auf Stein manchmal genügt … und manchmal sogar am längsten hält. Nicht alles braucht Kalk und Kelle. Manches braucht nur ein gutes Auge und eine ruhige Hand. Nur den richtigen Stein, an den richtigen Platz gelegt. Mehr nicht. Und die Zeit, sich diese Zeit zu nehmen. In Marokko haben die Berber Speicherburgen aus trockenem Stein gebaut, in denen sie ihr Getreide und ihre Vorräte bewahrten. Hohe, feste Bauten, ganz aus geschichtetem Stein. In Afrika, im Süden, steht Groß-Simbabwe … eine große Stadt aus Mauern ohne Mörtel, erbaut um das Jahr elfhundert. Mächtige, geschwungene Wände aus lauter sorgfältig gelegten Steinen. In den Anden bauten die Inka … in Cusco … in Machu Picchu. Sie fügten ihre großen Steinblöcke so genau ineinander … dass sie bis heute halten … und das ganz ohne Mörtel. Riesige Steine, an den Kanten so genau bearbeitet, dass sie ineinandergreifen wie von selbst. Eine Arbeit von unendlicher Geduld … Stein an Stein, ohne den kleinsten Spalt. Und weit draußen im Pazifik, mitten auf dem Wasser, liegt Nan Madol … erbaut um das Jahr dreizehnhundert, aus langen Basaltsäulen, geschichtet wie Holzscheite. Eine ganze Stadt aus Stein, ringsum das Meer. So viele Orte … so viele Hände … und überall dieselbe stille, geduldige Regel. Über die ganze Welt verteilt, in vielen Ländern, in vielen Zeiten, haben Menschen dasselbe getan. Einen Stein genommen … und ihn auf einen anderen gelegt. Ohne Mörtel. Nur mit den Händen. Stein liegt auf Stein.

In Japan hat man die Sockel alter Burgen aus trocken geschichtetem Stein gebaut. Große Steine, sorgfältig gefügt, in sanft geschwungenen, nach innen gebogenen Wänden. Und diese trockene Bauweise hat einen stillen, klugen Vorteil. Wenn die Erde einmal bebt und zittert, dann geben die losen Steine ein wenig nach … sie rücken, sie setzen sich neu. Und dann liegen sie wieder still. Eine ganz starre Mauer würde brechen. Die trockene Mauer aber bewegt sich ein wenig und bleibt heil … gerade weil sie nicht starr ist. So haben diese alten Sockel die Jahrhunderte überdauert. Weil sie nachgeben können … weil sie sich beugen, ohne zu zerbrechen. Auch das ist eine leise Weisheit der Trockenmauer. Was ein wenig nachgibt, das bleibt am Ende oft länger als das ganz Feste. Der lose Stein überdauert die starre Wand. Was atmen darf, das hält. Was sich ein wenig bewegen darf, das bleibt. So ist es mit der Mauer … und vielleicht auch mit dem Schlaf. Ein stiller Gedanke, gut für eine ruhige Nacht.

Im Jahr zweitausendachtzehn hat man diese alte Kunst besonders geehrt. Am achtundzwanzigsten November zweitausendachtzehn wurde das Trockenmauer-Handwerk zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt. Zuerst waren es acht Länder, die diese Ehre miteinander teilten. Acht Länder, in denen dieses Handwerk seit langer Zeit lebendig geblieben ist. Kroatien … Zypern … Griechenland … Italien … Slowenien … Spanien … Frankreich … und die Schweiz. Acht Länder, verbunden durch dieselbe geduldige Arbeit mit dem Stein. Ein wenig später, im Jahr zweitausendeinundzwanzig, kam Österreich dazu. Und im Jahr zweitausendvierundzwanzig noch vier weitere … Andorra … Belgien … Irland … und Luxemburg. So sind es heute dreizehn Länder, die gemeinsam über dieses alte Handwerk wachen. Dreizehn Länder … ein Handwerk … und dieselbe geduldige Bewegung der Hände. Etwas, das so einfach ist, dass es fast in Vergessenheit geriet … und nun wieder gehütet und weitergegeben wird. Damit es bleibt. Damit es nicht verloren geht.

Heute baut man Trockenmauern vor allem in den Gärten. Kleine Mauern … um ein Beet, entlang eines Weges, als niedrige, warme Stufe im Grünen. Man könnte meinen, ein Drahtkorb voller Steine täte dasselbe. So ein Ding, das man Gabione nennt, gefüllt mit lauter losem Gestein. Aber das stimmt nicht ganz. Eine Gabione ist kein gleichwertiger Ersatz für eine gemauerte Trockenmauer. Denn in der Gabione liegen die Steine nur im Draht … niemand hat sie gewählt, keiner passt zum anderen. In der echten Trockenmauer aber sitzt jeder einzelne Stein an seinem Platz, von Hand gewählt, von Hand gewendet, von Hand gefügt. Und das sieht man ihr an … und das spürt man an ihr. Stein liegt auf Stein.

Und dann ist da noch etwas, das eine Trockenmauer ganz besonders macht. Sie ist nicht nur eine Mauer. Sie ist ein Zuhause. In ihren Fugen, in all den kleinen Ritzen zwischen den Steinen, lebt es. In den Ritzen wachsen genügsame Pflanzen … kleine Farne, Mauerpfeffer, zartes Grün, das mit ganz wenig Erde und wenig Wasser auskommt. Pflanzen, die den kargen, sonnigen Ort gerade lieben. In den warmen Spalten sonnen sich die Eidechsen und huschen blitzschnell davon, wenn ein Schatten über sie fällt. In den kühlen, feuchten Winkeln ganz unten sitzt die Erdkröte, still und geduldig. In kleinen Löchern nisten die Wildbienen … und über die warmen Steine läuft der Laufkäfer seine ruhigen Wege. Jeder hat seinen Platz. Jeder seine Ritze, seine Spalte, seinen Winkel. Eine warme Mauer am Abend, das ist ein ganzes, stilles Mehrfamilienhaus. Viele Bewohner … jeder in seiner Kammer … und keiner stört den anderen. Man sagt darum, Trockenmauern und Lesesteinwälle seien wertvolle Biotope. Wertvolle Lebensräume … für Kriechtiere, für Insekten, für kleine Säugetiere, für genügsame Pflanzen. Gerade an den extremen, sonnigen, trockenen Stellen, wo sonst kaum etwas gedeiht … da bietet die Mauer ein Zuhause. Sie ist warm, sie ist trocken, und sie hat tausend kleine Kammern. Ein Haus aus Stein … für lauter kleines, stilles Leben. Am Tag summt und huscht es leise darin. Und am Abend, wenn die Steine warm sind, wird es ganz ruhig. Die Eidechse liegt still. Die Kröte sitzt still. Die kleine Biene ruht in ihrem Loch. Alle in derselben warmen Mauer … alle an ihrem Platz. Und die Mauer hält sie alle. Stein liegt auf Stein.

Doch manche dieser Mauern sind in Gefahr. Wo Weinberge aufgegeben werden, wo niemand mehr die Reben pflegt, da wächst langsam das Gebüsch über die Hänge. Und unter dem Gestrüpp verfallen nach und nach die alten Mauern. Die Steine lockern sich, sie rutschen, sie fallen … und irgendwann liegt der ganze Wall am Boden. Darum gelten viele Trockenmauern heute als gefährdete Biotope. Und vielerorts sind sie darum besonders geschützt … als etwas Wertvolles, das man nicht verlieren möchte. Der Staat gibt Zuschüsse … für den Erhalt der alten Mauern, für den Wiederaufbau der verfallenen. Die Winzer bekommen Unterstützung, wenn sie ihre Mauern pflegen und erhalten. So bleibt erhalten, was viele Hände über viele Jahre geschaffen haben. Stein um Stein, wieder aufgerichtet, wieder gefügt. Damit die Mauer weiter da ist … für die Reben, für die Eidechse, für den, der abends daran vorübergeht. Und das alte Handwerk wird wieder gelehrt … an junge Hände weitergegeben, damit es nicht verloren geht. Damit auch in hundert Jahren noch jemand weiß, wie man einen Stein liest … und wie man ihn legt. Stein liegt auf Stein.

Und nun kehren wir zurück an den Hang im Süden. Es ist jetzt ganz Abend geworden. Der letzte helle Streifen am Himmel ist verblasst, und über den Reben liegt eine weiche, warme Dunkelheit. Die Mauern sind nur noch als graue Linien zu erahnen, Stufe über Stufe den Hang hinauf. Aber die Steine … die Steine sind noch warm. Leg deine Hand in Gedanken auf einen dieser Steine. Spür, wie er die Wärme des ganzen Tages zurückgibt … langsam … ruhig … ohne die geringste Eile. Er hat die Sonne getrunken, und jetzt gibt er sie an die Nacht. So wie er es jeden Abend tut. So wie er es tun wird, wenn du längst schläfst. Die Mauer hält. Sie muss nichts tun als halten. Jeder Stein an seinem Platz, gehalten vom eigenen Gewicht … und vom Geschick der Hände, die längst vergangen sind. Keine Fuge geht durch. Jeder dritte Stein bindet quer ins Innere. Unten breit, oben schmal … so lehnt sie sich in sich selbst zurück und ruht. Das Wasser darf hindurch. Die Wärme darf hinaus. Das kleine Leben darf bleiben. Und alles ist an seinem Platz … alles, genau dort, wo es hingehört. Stein liegt auf Stein. Stein liegt auf Stein. Nichts drängt. Nichts eilt. Nichts muss. Die Nacht ist über den Hang gekommen, und die grauen Mauern geben ihre Wärme ab, ganz langsam, still, bis zum Morgen. Und sie werden es wieder tun, morgen und übermorgen … Abend für Abend. So, wie sie es seit hundert Jahren tun. So, wie sie es tun werden, lange nach dieser Nacht. Sie bleiben. Sie halten. Sie ruhen. Kein Stein muss irgendwohin. Jeder liegt an seinem Platz, ruhig, schwer, warm. Und so, wie die Steine ruhen, so darfst auch du jetzt ruhen. Und sie geben ihre Wärme ab, ganz von selbst, während die Welt schläft. Und du darfst jetzt schlafen. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.

Quelle, Lizenz und wie das entsteht

Dieser Text beruht auf den Wikipedia-Artikeln «Trockenmauerwerk», «Terrasse (Geologie)», «Lesestein (Geomorphologie)» und «Mauerwerk». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.

Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.