Der stille Büchersaal von St. Gallen
Heute Abend geht es in die Stiftsbibliothek St. Gallen: einen barocken Büchersaal aus warmem Holz, den man nur in Filzpantoffeln betreten darf. Wir schauen über tausend Jahre alten Handschriften zu, dem ältesten Buch in deutscher Sprache und dem ältesten erhaltenen Bauplan Europas – und lesen über der Tür den alten griechischen Satz «Heilstätte der Seele».

Der ganze Text dieser Folge
Wort für Wort, wie Fridolin es erzählt. Zum Mitlesen, Nachschlagen oder Vorlesen.
Stell dir einen Saal vor. Es ist Abend. Draußen wird das Licht schon weich. Der Saal ist nicht sehr groß … aber er ist hoch. Zwei Stockwerke reichen die Wände hinauf … und überall stehen Bücher. Vom Boden bis fast unter die Decke. Auf halber Höhe läuft eine schmale Galerie rund um den Raum … ein feiner Balkon aus Holz … damit man auch an die oberen Bücher kommt. Das Holz ist warm und honigfarben. Es glänzt ein wenig im letzten Licht. Zwischen den Bücherschränken liegen Fenster … und Schrank und Fenster wechseln sich ab … in einer sanften Welle … den ganzen Saal entlang. Es riecht nach altem Papier … und nach Holz. Und es ist still. Ganz still. Die Bücher stehen in ihren Regalen. Und sie haben Zeit.
Das Erste, was die Menschen hier bemerken … ist der Boden. Er ist aus hellem Tannenholz. Und in dieses helle Holz sind Muster eingelegt … aus dunklerem Nussbaumholz. Vier große Sterne. Und feine Ranken … die sich winden wie Pflanzen. Ein Boden wie ein ruhiger Teppich … nur eben aus Holz. Und weil dieser Boden so kostbar ist … darf ihn niemand mit Straßenschuhen betreten. Am Eingang stehen weiche Pantoffeln aus Filz. Man streift sie über die Schuhe … und schlurft dann ganz leise durch den Saal. Kein harter Schritt. Kein Klappern. Nur ein sanftes Gleiten … über das warme Holz. Stell dir das vor. Ein ganzer Raum … in dem alle nur auf Filz gehen. In dem jeder Schritt leise ist. Es ist ein guter Ort … um ruhig zu werden.
Über dem Eingang … über einem Portal aus Säulen … steht ein Satz. Er ist in alten griechischen Buchstaben geschrieben … in einem geschwungenen Rahmen. Die meisten, die hereinkommen … können ihn nicht lesen. Aber sie erfahren, was er bedeutet. Frei übersetzt heißt er … Heilstätte der Seele. Manche sagen auch … Apotheke der Seele. Das ist es … was ein solcher Raum sein wollte. Kein Ort für Lärm. Kein Ort für Eile. Ein Ort … an dem die Seele zur Ruhe kommt. Ein Ort … an dem man sich heilen lässt … ganz leise … durch Lesen und durch Stille. Heilstätte der Seele. Ein schöner Gedanke … um damit einzuschlafen. Die Bücher stehen still. Und sie haben Zeit.
Und nun lass uns fragen … wie alt das alles ist. Wie lange stehen hier schon Bücher. Die Geschichte beginnt vor sehr langer Zeit. Vor mehr als vierzehnhundert Jahren … kam ein Mönch aus Irland in dieses Land. Er hieß Gallus. Er suchte einen stillen Ort … um dort als Einsiedler zu leben. Und er fand ihn … in einem engen, grünen Hochtal … an einem kleinen Fluss namens Steinach. Um das Jahr sechshundertzwölf … baute er sich dort seine Zelle. Eine einfache Hütte … mehr nicht. Aber andere kamen … um bei ihm zu lernen. Und sie blieben. So wuchs aus einer einzigen Hütte im Wald … ganz langsam eine Gemeinschaft. Aus der Gemeinschaft wurde später ein großes Kloster. Und dieses Kloster trägt bis heute den Namen des irischen Mönchs. Es ist der Ort … an dem wir heute Abend sind.
Über die Jahrhunderte kamen viele Menschen hierher. Pilger … die einen weiten Weg gegangen waren … um am Grab des heiligen Gallus still zu werden. Sie kamen zu Fuß … oft von weit her … und blieben eine Weile. Manche brachten eine kleine Gabe mit … ein Stück Land … ein paar Tiere … und ließen aufschreiben … dass sie es dem Kloster geschenkt hatten. So wurde das Kloster mit den Jahren zu einem Ort … zu dem man aufbrach. Ein Ziel … am Ende eines langen Weges. Ein guter Ort … um anzukommen.
Rund hundert Jahre nach Gallus … kam ein Mann namens Otmar. Er übernahm die Leitung der kleinen Gemeinschaft … und machte aus ihr ein richtiges Kloster … mit festen Regeln … und festen Zeiten. Im Jahr siebenhundertneunzehn war das. Von da an ging es aufwärts. Das Kloster wuchs. Es wurde reich … und gelehrt. Und zu einem solchen Kloster … gehörten immer Bücher. Sehr viele Bücher. Man brauchte sie für den Gottesdienst … für die Schule … und für die Verwaltung. Und weil man Bücher damals nicht kaufen konnte wie heute … machten die Mönche sie selbst. In einer eigenen Werkstatt. Sie ist der Anfang von allem … was heute hier steht.
Diese Werkstatt nennt man das Skriptorium. Das ist nur ein altes Wort für Schreibstube. Ein Raum … in dem geschrieben wurde. Von Hand. Buchstabe für Buchstabe. In St. Gallen lässt sich eine solche Schreibstube schon ab dem Jahr siebenhundertsechzig nachweisen. Stell dir die Mönche dort vor. Sie sitzen an schrägen Pulten. Vor ihnen liegt Pergament … feine, geglättete Tierhaut … denn Papier gab es noch nicht. Zum Schreiben schnitten sie sich Federn zurecht … meist den Kiel einer Gans. Die Tinte war dunkel … aus Galläpfeln und Eisen gemacht. Sie tauchten die Feder ein … und schrieben. Langsam. Sorgfältig. Ein Buch von Hand zu schreiben … dauerte Monate. Manchmal Jahre.
Es war keine leichte Arbeit. Aus jener Zeit ist ein alter Schreiberspruch überliefert … und er ist ehrlich. Drei Finger schreiben … sagt er … der ganze Körper schmerzt. Denn wer lange über ein Pult gebeugt sitzt … und Zeile um Zeile malt … der spürt es abends im Rücken. Und doch war es eine stille Arbeit. Eine geduldige Arbeit. Genau die richtige Arbeit … für einen stillen Ort. Die Schreibstube war oft der einzige Raum im Kloster … der geheizt wurde. Damit die Finger nicht klamm wurden … und die Tinte gut floss. Ein warmer Raum … voller leiser Federn … während draußen der Winter lag. Das ist ein Bild … bei dem man ruhig werden kann.
Und bevor überhaupt ein Wort geschrieben werden konnte … war schon viel getan. Das Pergament musste vorbereitet werden. Eine Tierhaut wurde gereinigt … gespannt … und geschabt … bis sie dünn und glatt war. Dann nahm ein Mönch ein stumpfes Werkzeug … und zog feine Linien in die Haut … damit die Zeilen später schnurgerade liefen. Er teilte die Seite ein … einen Rand hier … einen Rand da … und rechnete aus … wie viele Zeilen wohl auf ein Blatt passen. Erst wenn das alles vorbereitet war … setzte der Schreiber die Feder an … und begann. Eine ruhige Ordnung … noch bevor das erste Wort stand. So wie man abends das Bett richtet … bevor man sich hineinlegt.
Von einem dieser frühen Schreiber … kennen wir sogar den Namen. Er hieß Winithar. Er trat um das Jahr siebenhundertneunundfünfzig in das Kloster ein. Er half mit, die Schreibstube aufzubauen … und er schrieb selbst. Mindestens drei Bücher hat er ganz allein geschrieben … und die stehen bis heute in der Bibliothek. Am Anfang war nicht alles leicht. Die Tinte war nicht immer gleich dunkel. Das Pergament war nicht immer leicht zu bekommen. Man merkt den ältesten Büchern an … dass hier Menschen etwas Neues versuchten … und dabei noch lernten. Und trotzdem sind ihre Bücher da. Nach über zwölfhundert Jahren. Das ist ein beruhigender Gedanke. Die Bücher stehen still. Und sie haben Zeit.
Manche dieser alten Bücher … sind nicht nur beschrieben … sondern auch bemalt. Über die Jahrhunderte lernten die Mönche … ihre Bücher zu schmücken. Sie malten den ersten Buchstaben einer Seite … groß und kunstvoll aus … mit feinen Ranken … und mit leuchtenden Farben. Sie legten Gold auf das Pergament … sodass die Buchstaben im Kerzenlicht schimmerten. Eines dieser Bücher heißt bis heute der Goldene Psalter … seines vielen Goldes wegen. Ein anderes trägt auf seinem Deckel Tafeln aus Elfenbein … mit Bildern hineingeschnitten … fein und geduldig. Und für jede Aufgabe gab es geübte Hände. Einer malte die roten Anfangsbuchstaben. Einer die Bilder und Bordüren. Und wieder einer band die fertigen Blätter zu einem Buch. Manche Einbände waren aus Silber … aus Elfenbein … aus Seide. Stell dir vor … wie lange jemand an einer einzigen solchen Seite gesessen hat. Wie ruhig die Hand sein musste … die das feine Gold auflegte. Wie still es im Raum gewesen sein muss. Diese Bücher waren nicht zum schnellen Lesen gemacht. Sie waren zum Bewahren … und zum Staunen. Man schlug sie nur zu besonderen Anlässen auf. Und dann leuchteten sie. Ein wenig leuchten sie noch heute … wenn man sie ins Licht hält.
Manche dieser Schätze tragen bis heute ihre eigenen Namen … so wie alte Freunde. Da ist ein Psalter … ganz aus Schmuck und Farbe … nach seinem Schreiber benannt. Und da ist ein Buch … das man das lange Evangelium nennt … mit Deckeln aus Elfenbein. Die feinen Bilder in diesem Elfenbein … soll ein Mönch geschnitten haben … der Tuotilo hieß. Er war nicht nur ein frommer Mann … sondern auch ein Künstler … einer, der schnitzen und malen und Musik machen konnte. Man erzählte sich noch lange von ihm. Stell dir das vor … ein Mensch … vor mehr als tausend Jahren … der mit einem feinen Werkzeug ein Bild in Elfenbein schneidet … Strich für Strich … im Licht einer Kerze. Und dieses Bild ist noch da. Man kann es ansehen … so wie er es gesehen hat.
Mit den Jahren wurden es immer mehr Bücher. Und wo viele Bücher stehen … braucht man eine Ordnung. Sonst findet man nichts wieder. Die Mönche legten darum ein Verzeichnis an … einen Katalog. Den ältesten, den wir kennen … schrieb man vor mehr als tausend Jahren … ungefähr zwischen den Jahren achthundertsechzig … und achthundertfünfundsechzig. Er ordnet die Bücher nach Fachgebieten … und zählt vierhundertsechsundzwanzig Titel auf. Das klingt heute nach wenig. Aber für die damalige Zeit … war das ein sehr großer Schatz an Wissen. Und schon damals dachte jemand daran … alles aufzuschreiben und zu ordnen … damit man es wiederfindet. Bibliothekare hat es also schon vor über tausend Jahren gegeben. Menschen, die Bücher zählen … und ordnen … und pflegen. Auch das ist ein beruhigender Gedanke.
Neben den Büchern … hüteten die Mönche noch etwas anderes. Urkunden. Kleine Schriftstücke … auf denen festgehalten war … wer dem Kloster etwas geschenkt hatte. Viele Menschen kamen als Pilger … zum Grab des heiligen Gallus. Und manche verbanden ihren Besuch mit einer Gabe … die man gleich an Ort und Stelle aufschrieb. Die Mönche schrieben … und die Mönche bezeugten. Mit der Zeit kamen so sehr viele dieser Urkunden zusammen. Und wieder brauchte es eine Ordnung. Die Mönche teilten das Land … das dem Kloster gehörte … in sechsunddreißig Bezirke ein … und gaben jedem eine Nummer. Jede Urkunde wurde gefaltet … und außen schrieb man ein kurzes Zeichen darauf … das verriet … wohin sie gehörte. Dann legte man sie in eines von sechsunddreißig Fächern. Ein Zeichen. Ein Fach. Und alles an seinem Platz. Diese ruhige, geduldige Ordnung hat dafür gesorgt … dass viele dieser alten Urkunden bis heute erhalten sind. Man kann sie noch heute in die Hand nehmen. Alte, gefaltete Blätter … mit einem kleinen Zeichen am Rand. Und jedes hatte immer sein Fach.
Unter den alten Büchern … sind einige ganz besondere. Eines davon ist etwas Kostbares … für alle, die die deutsche Sprache lieben. Es ist das älteste Buch in deutscher Sprache … das wir kennen. Man nennt es den Abrogans. Es ist eigentlich nur eine lange Liste von Wörtern … ein Wörterbuch aus alter Zeit. Es stellt seltene lateinische Wörter neben ihre einfachere Bedeutung … und daneben die deutschen Wörter der damaligen Zeit. Über dreitausend deutsche Wörter stehen darin. Manche davon kennt man aus keinem anderen alten Buch … nur aus diesem. Seinen Namen trägt es nach seinem allerersten Eintrag. Das erste Wort heißt abrogans … und bedeutet so viel wie demütig … oder bescheiden. Ein bescheidenes Wort … am Anfang eines so bedeutenden Buches. Die Wörter darin stehen in einer sehr alten Form der Sprache. Wenn du sie heute lesen würdest … klängen sie fremd und weich … fast wie eine andere Sprache. Und doch ist es der Anfang der Sprache … in der ich gerade zu dir spreche. Der Anfang liegt hier … in diesem stillen Haus.
Man nimmt an … dass dieses Wörterbuch weit weg entstand … in einem Kloster im Süden … vor mehr als zwölfhundert Jahren. Von dort wurde es abgeschrieben … und die Abschriften wanderten. Drei davon haben die Zeit überdauert. Eine liegt heute in Paris … eine in Karlsruhe … und eine hier … in St. Gallen. Drei alte Geschwister … in drei verschiedenen Städten … und alle drei tragen dieselben ersten Worte.
In diesem Haus lebten über die Jahrhunderte viele gelehrte Mönche. Menschen, die einen großen Teil ihres Tages mit Büchern verbrachten. Sie lasen die alten Texte … die aus fernen Ländern und aus lange vergangenen Zeiten stammten. Sie schrieben sie ab … damit sie nicht verloren gingen. Und manche taten noch etwas anderes. Sie übersetzten die alten, schwierigen Texte … in die Sprache der einfachen Leute … damit auch andere sie verstehen konnten. Einer von ihnen war dafür berühmt. Man nannte ihn später Notker den Deutschen. Er nahm die alten Sätze … und trug sie hinüber in die deutsche Sprache seiner Zeit … Wort für Wort … mit großer Geduld. Stell dir das vor. Ein Mensch sitzt bei Kerzenlicht über einem alten Buch … und sucht für jeden fremden Satz die richtigen Worte. Niemand hat ihn gedrängt. Es gab keine Eile. Es gab nur ihn … das Buch … und die Zeit. So ist in diesem Haus über die Jahrhunderte ein Wissen gewachsen … ganz leise … Seite um Seite. Die Bücher stehen still. Und sie haben Zeit.
Es gab in diesem Kloster eine ganze Reihe solcher gelehrten Männer … über viele Generationen hinweg. Einer schrieb die Geschichte des Klosters auf … damit man später wusste … wie alles gewesen war. Einer sammelte alte Segenssprüche in einem Buch. Einer war ein großer Lehrer … und seine Schüler wurden selbst wieder Lehrer. So gab einer sein Wissen an den nächsten weiter … und der nächste an den übernächsten … wie man ein Licht weiterreicht … von Kerze zu Kerze. Und immer blieben die Bücher der ruhige Mittelpunkt. Um die Bücher herum … drehte sich das ganze Haus.
Und weil die Mönche so geduldig abschrieben … ist vieles überhaupt erst erhalten geblieben. Manch ein alter Text … aus einer längst vergangenen Zeit … ist nur deshalb noch da … weil hier jemand ihn Wort für Wort kopiert hat. Wäre das nicht geschehen … wäre er verloren. So haben diese stillen Hände … ohne es zu ahnen … eine Brücke gebaut … über tausend Jahre hinweg. Von einem alten Schreiber … bis zu dir. Ein Buch … ist auch das … eine Brücke durch die Zeit.
In der Bibliothek liegen auch Bücher mit Gesang. In alten Zeiten schrieb man über die Wörter kleine Zeichen … die zeigten … wie die Melodie steigt und fällt. Man nennt diese Zeichen Neumen. Das Wort kommt aus dem Griechischen … und bedeutet so viel wie ein Wink. Ein kleiner Wink … über der Zeile … der der Stimme den Weg weist. Sie sehen aus wie feine Häkchen und Wellen … über den Zeilen. Die Zeichen aus St. Gallen … geschrieben um das Jahr neunhundertfünfundzwanzig … gelten als die schönsten und feinsten von allen. Aus ihnen haben Menschen viel später wieder gelernt … wie der alte, ruhige Kirchengesang einmal geklungen hat. Ein leiser, gleichmäßiger Gesang … ohne Hast. Stell dir vor … wie er durch einen hohen Steinraum zieht. Ruhig. Getragen. Und dann wieder still. Lange nach jener Zeit … setzte ein Mann namens Guido von Arezzo diese Zeichen auf Linien … auf vier feine Linien … damit man die Höhe der Töne genau sehen konnte. Daraus ist über die Jahrhunderte unsere heutige Notenschrift geworden. Aber der Anfang … waren diese kleinen Winke über den Zeilen. So etwas wie die älteste Erinnerung an eine Melodie … aufbewahrt in einem Buch.
Die Mönche sangen zu vielen Stunden des Tages … und auch mitten in der Nacht standen sie dafür auf. Immer dieselben ruhigen Melodien … Tag für Tag … Jahr für Jahr. Man musste sie nicht jedes Mal neu lernen … sie waren längst vertraut … wie ein Weg, den man auch im Dunkeln findet. Und die kleinen Zeichen über den Zeilen … halfen nur, sich zu erinnern. Ein Wink für die Stimme … hier steigt sie … hier fällt sie … hier bleibt sie ruhig. Wenn heute jemand aus diesen alten Büchern singt … dann klingt für einen Augenblick etwas … das vor mehr als tausend Jahren schon genauso geklungen hat. Ein sehr alter … sehr ruhiger Klang. Als hielte die Zeit für einen Moment den Atem an.
Das vielleicht berühmteste Blatt der Bibliothek … ist aber gar kein Buch. Es ist ein Plan. Ein großer Bauplan … gezeichnet auf Pergament. Man nennt ihn den St. Galler Klosterplan. Zwei Mönche eines anderen Klosters … drüben auf einer Insel im Bodensee … zeichneten ihn vor rund zwölfhundert Jahren … um das Jahr achthundertfünfundzwanzig. Er besteht aus fünf Blättern feinem Pergament … zusammengenäht zu einem großen Bogen … gut einen Meter breit. Der Plan zeigt bis ins Kleinste … wie ein großes Kloster jener Zeit aussehen sollte. Rund fünfzig Gebäude sind darauf eingezeichnet … und über dreihundert kleine Beischriften erklären … was wohin gehört. Eine Kirche. Schlafräume. Eine Küche. Ein Gästehaus. Sogar die Gärten fehlen nicht. Ein Garten für Heilkräuter … mit sechzehn sorgfältig gezeichneten Beeten … für die Pflanzen, aus denen man Arznei machte. Daneben ein Garten für die Küche … mit achtzehn Beeten … für Zwiebeln und Kohl … und all das, was auf den Tisch kam. Und der ganze Plan war für ein großes Kloster gedacht … für weit über hundert Mönche … und rund zweihundert Arbeiter dazu. Alles hat seinen Platz … ruhig und geordnet. Ein ganzes kleines Reich … auf fünf Blättern Pergament. Und, was das Schönste ist … zum ersten Mal überhaupt ist darauf ein eigenes Haus nur für die Bücher und die Schreibstube vorgesehen. Es ist der älteste erhaltene Bauplan Europas. Und er ist das früheste Blatt … auf dem jemand einen eigenen Raum nur für Bücher eingezeichnet hat. Gebaut wurde dieses ideale Kloster nie ganz genau so. Es blieb ein Bild … ein Traum von der besten Ordnung. Aber man hat also schon damals gewusst … dass Bücher einen ruhigen Ort brauchen.
Über all die Jahrhunderte … mussten die Menschen ihre Bücher auch behüten. Denn Bücher sind zerbrechlich. Es gab eine Frau … die für die Bücher zur Beschützerin wurde. Sie hieß Wiborada … und lebte ganz für sich … in einer kleinen Klause bei der Kirche. Bis heute wird sie verehrt. Sie gilt als die Schutzpatronin der Bibliotheken … und aller Menschen, die Bücher lieben. Es gibt also eine Beschützerin der Bücher. Jemanden, der ein Auge auf sie hat. Auch das ist ein friedlicher Gedanke für die Nacht. Und es gab noch einen anderen Schutz. Einen festen, hohen Turm. Seit dem späten neunten Jahrhundert … bewahrte man die wertvollsten Handschriften in diesem Turm auf … gut verwahrt hinter dicken Mauern. Was auch immer draußen geschah … im Lauf der vielen Jahre … die Bücher im Turm blieben ruhig und sicher. Deshalb ist das Besondere an dieser Bibliothek dieses … sie ist die einzige große Klosterbibliothek aus jener frühen Zeit … deren Bücher bis heute beisammengeblieben sind. Rund vierhundert der Handschriften sind älter als das Jahr elfhundert. Sie haben mehr als neunhundert Jahre überstanden. Und sie stehen immer noch da. Die Bücher stehen still. Und sie haben Zeit.
Nun aber zurück zu dem schönen Saal … in dem wir angekommen sind. Denn der Saal, in dem die Bücher heute stehen … ist gar nicht so alt wie die Bücher selbst. Er wurde erst vor gut zweihundertfünfzig Jahren gebaut … in den Jahren zwischen siebzehnhundertachtundfünfzig und siebzehnhundertsiebenundsechzig. Man wollte den kostbaren Büchern endlich einen Raum geben … der ihrer würdig war. Und man holte dafür die besten Handwerker der Gegend. Zwei Äbte gaben nacheinander den Auftrag dazu … und die Arbeit zog sich über viele Jahre. Fast zehn Jahre lang … kam ein Handwerk nach dem anderen an die Reihe. Erst der Bau … dann der Stuck … dann die Bilder … dann das Holz … und ganz zuletzt das Gold. Niemand hatte es eilig. Man baute diesen Raum … so wie man ein Buch schrieb. Langsam … und mit Sorgfalt … Schritt für Schritt. Ein Baumeister aus der Stadt Konstanz am See … mit Namen Peter Thumb … setzte den Bau auf. Zwei Brüder formten den weichen, weißen Stuck an der Decke. Ein Maler … Josef Wannenmacher … schuf die großen Bilder oben im Gewölbe. Ein Bruder aus dem Kloster selbst … Gabriel Loser … schnitzte über Jahre die Bücherschränke … und die Verkleidungen aus Holz. Und zuletzt kam ein Fassmaler … und veredelte alles mit Farbe … mit Öl … mit Gold und mit Firnis … bis der ganze Saal warm schimmerte. Viele Hände. Viele Jahre. Ein einziger Raum.
Sieh dich noch einmal um in diesem Raum. Oben, im gewölbten Deckenhimmel … sind große Bilder gemalt … umrahmt von feinem weißem Stuck. Einige der kleineren Bilder zeigen … wie im Kloster gelehrt und geforscht wurde. Menschen über Büchern. Menschen beim Nachdenken. Der Raum erzählt also von sich selbst. Er zeigt an seiner eigenen Decke … wozu er da ist. Die Pfeiler an den Wänden sind mit feinen Säulen verziert. Die Bücher stehen dahinter … hinter zierlichen Gittern … ordentlich aufgereiht … Rücken an Rücken. Und über allem liegt dieses warme, ruhige Licht. Der Saal gilt vielen als der schönste weltliche Barockraum der Schweiz. Und als einer der schönsten Bibliothekssäle der ganzen Welt. Aber du musst dir das nicht merken. Lass es einfach ein schöner, warmer Raum sein … in dem es still ist.
Tief unter dem hellen Saal … im Keller des Hauses … liegt noch etwas anderes. Alte Steine. Vor etwa sechzig Jahren gruben Forscher im Boden der alten Klosterkirche … und fanden mehr als zweihundert behauene Steine aus sehr früher Zeit. Steine, die einmal zu einem viel älteren Bau gehört hatten … längst vergessen … und in der Erde verschwunden. Sie sind aus einem weichen Sandstein … den man früher gleich in der Gegend gebrochen hat. Auf einem von ihnen ist ein einfaches Bild in den Stein geschlagen … vor mehr als tausend Jahren. Behauen wurden sie für eine Kirche … die man vor mehr als tausend Jahren hier baute … unter einem Abt, den man Gozbert nannte. Diese Kirche steht längst nicht mehr. Aber ein paar ihrer Steine sind geblieben … tief unten im Kühlen. Man hat diese Steine nie bemalt. Sie sind, wie sie sind. Ein Teil dieser Funde steht heute im gewölbten Keller unter der Bibliothek … still und kühl. Über ihnen das warme Holz … und die leuchtenden Bücher. Und unter ihnen die alte Erde. Ein Haus … das nach unten so tief reicht … wie zurück in die Zeit.
Vor einigen Jahrzehnten … hat die Welt dieser Bibliothek etwas Besonderes zugesprochen. Im Jahr neunzehnhundertdreiundachtzig … wurde der ganze Klosterbezirk zum Weltkulturerbe erklärt. Das bedeutet … dieser Ort gehört nicht nur der Stadt … und nicht nur dem Land … sondern allen Menschen. Er ist so kostbar … dass die ganze Welt ihn bewahren möchte. Und vor allem waren es die alten Handschriften … die den Ausschlag gaben. Später … im Jahr zweitausendsiebzehn … wurden die alten Bücher und Urkunden noch auf eine zweite Liste gesetzt … die die wertvollsten Schriftstücke der Menschheit versammelt. Stell dir das vor. Da hat ein irischer Mönch vor über vierzehnhundert Jahren … an einem stillen Fluss … seine Hütte gebaut. Und aus dieser Hütte ist über die Jahrhunderte etwas geworden … das die ganze Welt schützt und bewahrt. Ganz langsam. Ganz von selbst. Ein Buch nach dem anderen. Die Bücher stehen still. Und sie haben Zeit.
Und wie geht es diesen Büchern heute. Sie ruhen nicht einfach nur. Die Bibliothek lebt. Sie ist zweierlei zugleich. Zum einen ist sie ein Museum. Sie zeigt jedes Jahr andere ihrer alten Schätze in einer Ausstellung … damit die Menschen sie sehen können. Zum anderen ist sie eine ganz normale, lebendige Bibliothek. Rund zweitausendeinhundert alte Handschriften werden hier gehütet … und dazu rund hundertsiebzigtausend Bücher … alte und neue. Forscher aus der ganzen Welt kommen hierher … um die alten Handschriften zu studieren. Wer hier arbeiten möchte … sitzt in einem ruhigen Lesesaal … und man bringt ihm die Bücher an den Tisch. Die neueren darf man sogar mit nach Hause nehmen. Die ganz alten Bücher aber … bleiben immer im Haus. Die ältesten und kostbarsten darf man kaum noch anfassen. Sie sind zu wertvoll … und zu zerbrechlich geworden. Sie werden gehütet … wie schlafende Kinder … die man nicht wecken will.
Damit man die alten Bücher trotzdem lesen kann … hat man sich etwas Kluges ausgedacht. Man fotografiert sie … Seite für Seite … ganz vorsichtig. Und dann stellt man diese Bilder ins Netz … für alle. Seit dem Jahr zweitausendzwei sammelt man sie so. So kann heute jemand am anderen Ende der Welt … eine tausend Jahre alte Handschrift durchblättern … ganz in Ruhe … auf einem Bildschirm … ohne dem echten Buch zu schaden. Vor einigen Jahren waren schon rund siebenhundert dieser alten Handschriften auf diese Weise zu sehen. Die Bücher liegen also sicher in ihrem Saal. Und gleichzeitig sind sie überall. Das Alte und das Neue … reichen sich hier ganz leise die Hand.
Und vielleicht ist das der schönste Gedanke an diesem Ort. Dass so vieles bleibt … wenn man es nur behutsam behandelt. Ein Stein … ein Wort … eine Melodie … ein ganzes Buch. Über tausend Jahre hinweg … von Hand zu Hand gereicht … und immer noch da. Nichts davon musste laut sein … um zu bleiben. Es genügte … dass jemand es bewahrte … ruhig und geduldig … so wie dieser Saal die Bücher bewahrt.
Und jetzt … ganz zum Schluss … gehen wir noch einmal zurück in den stillen Saal. Es ist Nacht geworden. Die Fenster sind dunkel. Niemand ist mehr hier. Die Filzpantoffeln liegen leer am Eingang. Der Boden aus hellem Holz ruht im Dunkeln … mit seinen vier Sternen … und seinen feinen Ranken. Rundherum stehen die Bücher in ihren Schränken. Ganz ruhig. Rücken an Rücken. Manche sind über tausend Jahre alt. Sie haben so viele Nächte erlebt wie diese. Und sie werden noch viele erleben. Über der Tür steht der alte Satz. Heilstätte der Seele. Es ist still im Saal. Die Bücher stehen in ihren Regalen. Und sie haben Zeit. Sie müssen nichts tun. Und du musst auch nichts mehr tun. Du darfst jetzt ganz ruhig werden … so wie dieser Raum. Die Bücher ruhen. Der Boden ruht. Das warme Holz ruht. Und du darfst jetzt schlafen. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.
Quelle, Lizenz und wie das entsteht
Dieser Text beruht auf den Wikipedia-Artikeln «Stiftsbibliothek St. Gallen», «St. Galler Klosterplan», «Abrogans», «Skriptorium» und «Neume». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.
Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.