Der wandernde Schatten der Sonnenuhr
Heute Abend geht es um die Sonnenuhr: um einen schmalen Stab, der einen Schatten über eine steinerne Scheibe wandern lässt, und um die stille Kunst, aus diesem Schatten die Stunde zu lesen. Von den ersten Schattenstäben und der ausgehöhlten Schale der Griechen über die Klostermauern des Mittelalters bis zu den alten Sprüchen, die uns raten, nur die heiteren Stunden zu zählen.

Der ganze Text dieser Folge
Wort für Wort, wie Fridolin es erzählt. Zum Mitlesen, Nachschlagen oder Vorlesen.
Stell dir eine alte Mauer vor. Es ist ein warmer Tag … und die Mauer ist aus hellem Stein. Irgendwo in einem Garten … an einer Hauswand … auf einem stillen Platz. An dieser Mauer hängt eine Scheibe mit Ziffern … und aus der Mitte ragt ein schmaler Stab. Die Sonne steht am Himmel … und der Stab wirft einen Schatten auf die Ziffern. Mehr braucht es nicht … um die Zeit zu lesen. Kein Räderwerk … kein Ticken … kein Zeiger aus Metall. Nur die Sonne … ein Stab … und sein Schatten.
Der Schatten wandert. Ganz langsam wandert er weiter. So langsam, dass man ihm nicht zusehen kann. Du könntest dich davorstellen und warten … und du würdest die Bewegung nicht bemerken. Und doch … wenn du weggehst und später wiederkommst … ist der Schatten ein Stück weitergezogen. Er ist von einer Ziffer zur nächsten gewandert … leise … ohne dass jemand ihn geschoben hätte. So misst eine Sonnenuhr die Zeit. Sie zeigt den Stand der Sonne am Himmel … und aus diesem Stand liest sie die Stunde des Tages.
Der Stab, der den Schatten wirft, hat einen Namen. Man nennt ihn Polstab … weil er zu den Polen des Himmels zeigt. Er liegt schräg … parallel zur Achse der Erde. Das klingt zuerst kompliziert … ist aber ein ruhiger Gedanke … wenn man ihn sich in aller Ruhe ansieht. Die Erde dreht sich um ihre Achse … und der Stab ist genau so geneigt wie diese Achse. Darum wandert sein Schatten gleichmäßig … wie der Zeiger einer Uhr … und dreht sich um den Punkt, an dem der Stab in der Scheibe steckt. Am Morgen fällt er nach der einen Seite … am Mittag ist er am kürzesten … am Abend fällt er nach der anderen Seite. Und dazwischen wandert er. Ganz langsam wandert er weiter.
Man kann sich fragen, wie schnell sich so ein Schatten bewegt. Und die Antwort ist beruhigend langsam. Die Sonne zieht über den Himmel … und in einer Stunde legt sie einen Weg von fünfzehn Grad zurück. Fünfzehn kleine Grad … vierundzwanzig Stunden lang … das ergibt zusammen den ganzen Kreis. Der Schatten folgt ihr in genau diesem Maß. Er hat keine Eile. Er springt nicht … er ruckt nicht … er hält nicht an. Er gleitet über die Ziffern … Stunde um Stunde … und niemand muss ihn aufziehen. Solange die Sonne scheint, geht diese Uhr. Und wenn Wolken kommen … dann wartet sie einfach … ohne Unruhe … bis das Licht zurückkehrt.
In alter Zeit hat man die Stunden anders gezählt als wir. Man teilte den hellen Teil des Tages … von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang … in zwölf gleiche Stunden. Das klingt vertraut … hat aber eine stille Besonderheit. Denn im Sommer ist der Tag lang … und im Winter kurz. Und wenn man einen langen Sommertag in zwölf Teile teilt … dann wird jede Stunde länger. Teilt man einen kurzen Wintertag in zwölf Teile … dann wird jede Stunde kürzer. Die Stunden atmeten also mit dem Jahr. Im Sommer waren sie weit … im Winter waren sie eng. Es gab keine feste Länge … keine Minute, die immer gleich blieb. Es gab nur den Tag und seine zwölf Teile … so lang oder so kurz … wie das Licht eben reichte.
Und die Menschen waren sich nicht einmal einig … wann der Tag beginnt. An manchen Orten zählte man die Stunden vom Sonnenuntergang an … und diese Zählweise nannte man die italienischen Stunden. Anderswo begann man am Sonnenaufgang zu zählen … das waren die babylonischen Stunden. Wieder anderswo … in einer alten Stadt im Süden Deutschlands … fing man am Abend an … und verschob den Beginn mit den Wochen des Jahres. Für uns wäre das verwirrend. Doch damals lebte jede Gegend in ihrer eigenen Zeit … ruhig und selbstverständlich. Und die Sonnenuhr an der Kirche zeigte genau die Stunden … die man dort kannte. Man musste nicht wissen, wie spät es anderswo war. Es genügte, wie spät es hier war.
Es gibt eine ältere Art von Sonnenuhr … bei der nicht ein Stab den Schatten wirft … sondern nur ein Punkt. Man nennt diesen Punkt den Nodus. Das ist oft die Spitze eines Stabes … oder eine kleine Kugel. Ihr Schatten ist kein Strich … sondern ein Fleck … ein wandernder Punkt auf der Scheibe. Und dieser Punkt kann mehr als nur die Stunde. Er zeigt auch, wie hoch die Sonne über dem Jahr steht … und damit die Jahreszeit. Im Sommer wandert er auf einer anderen Bahn als im Winter. Auf manchen alten Uhren hat man diese Bahnen als feine Linien eingezeichnet … eine für jede Jahreszeit … und daneben die Zeichen des Tierkreises geschrieben. So wurde die Sonnenuhr zugleich ein leiser Kalender.
Dass der Schattenpunkt auch die Jahreszeit kennt … hat einen ruhigen Grund. Die Erde steht nicht ganz gerade … während sie um die Sonne zieht. Ihre Achse ist ein wenig geneigt … um etwa dreiundzwanzig ein halb Grad. Darum steht die Sonne im Sommer hoch am Himmel … und im Winter tief. Und weil sie höher oder tiefer steht … fällt auch der Schatten anders. Im Sommer ist er kurz … im Winter ist er lang. Über das Jahr wandert der Schattenpunkt darum langsam auf und ab … Tag für Tag ein winziges Stück … und zeichnet auf der Scheibe feine Bögen. Man hat diese Bögen eingeritzt … und ihnen die Namen der Jahreszeiten gegeben. So trägt die Uhr nicht nur die Stunden des Tages … sondern auch den langsamen Gang des ganzen Jahres.
Weißt du … womit alles angefangen hat. Mit dem eigenen Schatten. Lange bevor jemand eine Scheibe an eine Mauer hängte … hat der Mensch schon auf den Boden geschaut … und die Länge seines Schattens betrachtet. Am Morgen und am Abend ist der Schatten lang … gegen Mittag wird er kurz. Man hat sogar Tafeln angelegt … auf denen stand … welche Schattenlänge zu welcher Tageszeit gehört. Und gemessen hat man mit dem eigenen Fuß. Man stellte sich in die Sonne … legte einen Fuß vor den anderen … und zählte, wie viele Fußlängen der eigene Schatten weit reichte. So einfach war der Anfang. Ein Mensch … die Sonne … und ein Schatten auf dem Boden.
Aus dieser Idee wurde ein erstes Werkzeug. Man stellte einen Stab senkrecht in den Boden … und beobachtete seinen Schatten. So ein Stab heißt Gnomon. Es ist eines der ältesten Werkzeuge … mit denen der Mensch den Himmel vermessen hat. Am Mittag, wenn der Schatten am kürzesten ist … zeigt er genau nach Norden … und seine Länge verrät die Jahreszeit. Man hat ihn den Mittagsweiser genannt. Ein Stab … ein Schatten … eine Linie auf dem Boden. Und mit diesen einfachen Dingen … kam ein Gelehrter der Antike auf einen erstaunlichen Gedanken.
Dieser Gelehrte hieß Eratosthenes … und er lebte etwa zweihundertvierzig Jahre vor unserer Zeitrechnung. Er wusste bereits … dass die Erde eine Kugel ist. Und er hatte zwei Städte, die weit voneinander entfernt lagen. Die eine hieß Syene … das heutige Assuan … sie lag im Süden. Die andere war Alexandria … sie lag im Norden. In beiden Städten stand ein Stab. Und am selben Tag … zur Sommersonnenwende … maß er die Länge der beiden Mittagsschatten. Der eine Schatten war fast verschwunden … der andere war deutlich länger. Aus diesem kleinen Unterschied … aus zwei Schatten und der bekannten Entfernung der Städte … rechnete er die Größe der ganzen Erde aus. Und er lag erstaunlich nah an dem, was wir heute wissen. Zwei Schatten … und daraus die Größe der Welt.
Die Sonnenuhr selbst ist sehr alt. Die ältesten sicheren Funde stammen aus dem alten Ägypten … aus dem dreizehnten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Und auch andere Kulturen kamen … unabhängig voneinander … auf denselben Gedanken. In China … im Land zwischen den großen Flüssen … überall dort hat der Mensch auf den Schatten geschaut … und in ihm die Zeit gefunden. Es ist ein schöner Gedanke … dass Menschen, die nie voneinander wussten … an weit entfernten Orten dasselbe entdeckt haben. Sie alle sahen einen Schatten wandern. Und sie alle verstanden … dass er die Stunden trägt.
Im alten Griechenland gaben die Gelehrten den Sonnenuhren dann eine besondere Form. Sie höhlten einen Stein aus … wie eine halbe Schale … wie ein Stück vom Himmelsgewölbe … nur nach innen gestülpt. In diese Schale ritzten sie die Linien der Stunden. Der Schatten fiel in die Höhlung … und wanderte darin über die Linien. Diese Schalenuhr hatte einen eigenen Namen. Man nannte sie Skaphe. Ein Gelehrter mit Namen Aristarch soll ihr diesen Namen gegeben haben. Eine Schale aus Stein … ein Schatten darin … und die Stunden ringsherum. Ganz langsam wandert er weiter.
Ein anderer Gelehrter … er hieß Eudoxos … gab einer seiner Uhren einen noch schöneren Namen. Er nannte sie die Spinne. Denn die feinen Linien der Stunden … lagen auf der Scheibe so eng und so zart beieinander … wie die Fäden eines Spinnennetzes. Man muss sich das einmal vorstellen. Ein rundes Netz aus dünnen Linien … in den Stein geritzt … und darüber ein einzelner Schatten, der langsam darüberzieht. Es ist ein stilles Bild. Ein Netz aus Zeit … und ein Schatten, der sich darin bewegt.
Eine solche Schale aus Stein zu bauen … ist allerdings Arbeit. Eine runde Höhlung … so genau wie ein Stück Himmel … ist schwer zu formen. Darum ging man später zu einfacheren Formen über. Man höhlte einen Zylinder aus statt einer Kugel … oder einen Kegel. Denn eine gerade gebogene Fläche … lässt sich leichter herstellen als eine runde Schale. Und es gab kleine Säulen … die man in der Hand hielt … mit der Skala außen herum. Man drehte die Säule zur Sonne … und ein kleiner Stab oben warf seinen Schatten an ihr hinab. An der Länge dieses Schattens las man die Stunde. Eine ganze Uhr … so groß wie ein Trinkbecher … die man mit sich tragen konnte … wohin man wollte.
In der Stadt Athen steht bis heute ein achteckiger Turm … den man den Turm der Winde nennt. Er wurde im ersten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung gebaut … und an seinen Wänden trägt er ringsum Sonnenuhren. Nicht nur eine … sondern viele. Jede in eine andere Richtung gewandt … für den Morgen … für den Mittag … für den Abend. Es sind die größten senkrechten Sonnenuhren … die aus der Antike erhalten sind. Stell dir das vor. Ein Turm aus hellem Stein … und egal, von welcher Seite die Sonne kommt … immer wirft er irgendwo einen Schatten, der die Stunde zeigt. Ein ganzes Gebäude … das nichts anderes tut … als die Zeit zu lesen.
Auch in Rom gab es Sonnenuhren … und eine davon war besonders groß. Der Kaiser Augustus ließ einen Obelisken aus Ägypten holen … einen hohen, schlanken Steinpfeiler … und stellte ihn auf einem weiten Feld in Rom auf. Dieser Obelisk war der Stab … und der Boden ringsum war die Scheibe. Sein langer Schatten fiel über den Platz … und zeigte den Mittag und die Jahreszeit an. Es muss ein stiller Anblick gewesen sein. Ein einzelner Steinpfeiler auf einem großen Feld … und sein Schatten, der über den Boden zog … langsam … den ganzen Tag lang … während die Menschen ihren Geschäften nachgingen.
Um dieselbe Zeit lebte in Rom ein Baumeister … der ein großes Werk über die Baukunst schrieb. Er hieß Vitruv. In einem seiner Bücher zählte er alle Sonnenuhren auf, die er kannte. Die Schale des einen Gelehrten … die Scheibe eines anderen … und die Uhren mit den fein gesponnenen Linien … die man nach dem Netz einer Spinne benannt hatte. Manche dieser Uhren hat man später tatsächlich wiedergefunden … in der Erde … an alten Straßen. Von anderen kennt man nur noch den Namen … den er aufgeschrieben hat. So ist ein altes Buch bis heute ein stilles Verzeichnis … von Schatten … die längst vergangen sind.
Dann wurde es für eine Weile still um die Sonnenuhr. Nach dem Ende des Römischen Reiches … ging vieles von diesem Wissen verloren. Die Kunst, eine gute Uhr aus Schatten zu bauen … geriet in Vergessenheit. Erst nach einigen Jahrhunderten kam sie zurück … und sie kam zurück an einem ruhigen Ort. In den Klöstern. Die Mönche brauchten die Zeit für ihre Gebete … die über den Tag verteilt waren … zu festen Stunden. Und so ritzten sie einfache Sonnenuhren in die Mauern ihrer Kirchen. Man nennt sie kanoniale Sonnenuhren. Sie waren schlicht … sie waren nicht besonders genau … aber sie genügten … um die Stunde des nächsten Gebets zu finden.
Diese schlichten Uhren verbreiteten sich mit den Mönchen … die von Insel zu Land und von Kloster zu Kloster zogen. Vor allem von Irland und England aus … trugen die Benediktiner sie in die Welt. In Deutschland entstand die älteste erhaltene Sonnenuhr … in der Stadt Fulda … um das Jahr achthundertzweiundzwanzig. Über eintausendzweihundert Jahre ist das her. Und irgendwo an einer alten Klostermauer … sind solche Linien bis heute zu sehen. Flach und einfach in den Stein geritzt … ein Loch für den Stab … und ein Fächer von Strichen darunter. Menschen, die längst nicht mehr leben … haben auf denselben Schatten geschaut wie wir … wenn wir heute vor einer Sonnenuhr stehen.
Lange Zeit legte man den Stab noch waagrecht in die Mauer … und das hatte einen kleinen Nachteil. Der Schatten fiel dann je nach Jahreszeit anders … und die Uhr ging nicht immer gleich. Erst später kam der schräge Stab … der Polstab … der zur Erdachse zeigt. Er wurde vor etwa neunhundert Jahren zum ersten Mal beschrieben … von einem Gelehrten aus der arabischen Welt. Und mit ihm erreichte die Sonnenuhr ihre schönste Form. Denn nun fiel der Schatten zur gleichen Stunde immer auf denselben Strich … ob im Sommer oder im Winter. Der Schatten wurde ein verlässlicher Zeiger. Und er dreht sich um seinen Punkt … ruhig und gleichmäßig … wie der Zeiger, den wir heute kennen.
In der Zeit der Renaissance … wurde die Sonnenuhr dann fast zu einem Kunstwerk. Gelehrte und Handwerker bauten kunstvolle Uhren mit vielen Flächen … die in alle Richtungen zeigten … für die Terrassen und Gärten der Herrschaftshäuser. Und man baute kleine Sonnenuhren zum Mitnehmen. Es gab welche, die man aufklappen konnte wie ein Büchlein. Ein Gelehrter jener Zeit soll sie erdacht haben … mitten im fünfzehnten Jahrhundert. Beim Aufklappen spannte sich ein feiner Faden … zwischen Deckel und Boden … und dieser Faden war der Stab, der den Schatten warf. Dazu gehörte ein kleiner Kompass … damit man die Uhr richtig nach den Himmelsrichtungen ausrichten konnte. Eine ganze Uhr … zusammengefaltet in der Hand … klein genug für die Tasche.
Damit eine Sonnenuhr richtig geht … muss sie richtig stehen. Man kann sie nicht einfach an eine beliebige Wand hängen … und hoffen. Sie muss nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet sein … nach Norden und Süden … nach Osten und Westen. Darum gehörte zu den tragbaren Uhren früher oft ein kleiner Kompass. Man stellte die Uhr hin … ließ die Nadel zur Ruhe kommen … und drehte alles, bis es stimmte. Erst dann sprach der Schatten die Wahrheit. Es hat etwas Sorgfältiges … fast Andächtiges. Man richtet ein kleines Ding nach der ganzen Erde aus … nach ihren Polen und ihren Richtungen … nur um zu wissen, wie spät es ist.
Es gibt sogar Sonnenuhren … die nicht mit Schatten arbeiten … sondern mit Licht. Statt eines Stabes, der einen Schatten wirft … haben sie ein kleines Loch … durch das ein Sonnenstrahl fällt. Auf der anderen Seite erscheint dann ein heller Fleck … ein winziger Punkt aus Licht … und dieser Punkt wandert genauso über die Ziffern … wie sonst der Schatten. Manchmal ist es auch kein Punkt … sondern ein schmaler Streifen aus Licht … der durch einen feinen Spalt fällt … und über die Skala zieht. Ob Schatten oder Licht … ob Punkt oder Streifen … es ist dieselbe stille Bewegung. Etwas zieht über eine Skala … ganz langsam … und zeigt dir die Stunde.
Sonnenuhren gibt es in vielen Formen … und im Grunde ist jede Fläche möglich … auf die ein Schatten fallen kann. Am häufigsten ist die einfache flache Scheibe an einer Hauswand … senkrecht … nach Süden gewandt. Von allen Sonnenuhren, die man gezählt hat … ist der allergrößte Teil von dieser Art. Fast alle hängen an einer Wand. Das ist die Art, die man am ehesten kennt … an einer alten Fassade … hoch oben unter dem Dach. Dann gibt es die liegende Sonnenuhr … flach auf dem Boden … oder auf einem Sockel im Garten. Die hat den Vorteil, dass die Sonne sie den ganzen Tag bescheint … vom Aufgang bis zum Untergang. So verschieden sie aussehen … sie alle tun dasselbe. Sie halten einen Schatten … und lesen aus ihm die Stunde.
Eine der schönsten Formen ist die … deren Scheibe schräg im Raum steht … parallel zum Gürtel des Himmels. Man nennt sie die Äquatorialsonnenuhr. Ihr Stab steht senkrecht auf der Scheibe … und zeigt zum Himmelspol. Das Besondere ist, dass sie zwei Gesichter hat. Im Sommerhalbjahr fällt das Licht auf die obere Seite … im Winterhalbjahr auf die untere. Zweimal im Jahr … an den Tagen, an denen Tag und Nacht gleich lang sind … steht die Sonne genau in der Ebene der Scheibe … und dann liegt kein Schatten mehr auf ihr. An diesen zwei Tagen schweigt die Uhr. Sie ruht sich gewissermaßen aus … ehe sie die andere Seite bescheinen lässt.
An einem Kloster … auf einer Insel im Mittelmeer … gibt es eine Wand … auf der gleich mehrere Sonnenuhren nebeneinander stehen. Die eine zeigt die alten Gebetsstunden der Mönche. Die andere zählt die Stunden vom Sonnenaufgang an. Die dritte zeigt die Zeit des Ortes … die vierte die Zeit, nach der die Uhren im Land gehen. Vier Uhren an einer einzigen Wand … und jede zählt auf ihre Weise. Dieselbe Sonne … derselbe Augenblick … und doch vier verschiedene Antworten auf die Frage … wie spät es ist. Es ist ein schönes Bild dafür … dass die Zeit nicht eine einzige feste Sache ist … sondern etwas, das die Menschen sich immer wieder neu eingeteilt haben … ruhig und geduldig … über die Jahrhunderte hinweg.
Nun muss man ehrlich sein. Gemessen an unseren heutigen Uhren … geht eine Sonnenuhr ein wenig falsch. Das liegt daran … dass die Sonne nicht ganz gleichmäßig über den Himmel zieht. Mal ist sie ein kleines bisschen voraus … mal ein kleines bisschen zurück. Schon die Gelehrten der Antike wussten das. Im Sommerhalbjahr weicht die Sonnenuhr um bis zu fünf Minuten ab … im Winterhalbjahr sogar um bis zu fünfzehn Minuten. Aber lange Zeit hat das niemanden gestört. Es gab ja keine bessere Uhr. Fünf Minuten … fünfzehn Minuten … das war ohne Bedeutung in einer Welt … in der man die Zeit am Stand der Sonne maß … und nicht am Ticken eines Sekundenzeigers. Man nahm den Tag, wie er kam.
Weil die Sonne mal ein wenig vorauseilt … und mal ein wenig zurückbleibt … haben findige Uhrmacher eine besondere Lösung gefunden. Sie zeichneten die Stundenlinien nicht mehr gerade … sondern als schmale Schleifen … wie eine liegende Acht. Man nennt diese Figur ein Analemma. Der Schattenpunkt trifft die Schleife im Sommer an der einen Stelle … im Winter an der anderen … und so gleicht die krumme Linie den kleinen Fehler der Sonne wieder aus. Solche Uhren gehen dann fast auf die Minute genau … wie unsere Uhren zu Hause. Aber sie sind selten … denn sie zu bauen ist knifflig. Die meisten Sonnenuhren bleiben lieber schlicht … und nehmen die paar Minuten Abweichung gelassen hin. Sie haben es ja nicht eilig.
Und noch etwas Feines ist an der Sonnenuhr. Sie zeigt die Zeit des Ortes, an dem sie steht. Jeder Ort hat, streng genommen, seine eigene Sonnenzeit. Im Osten geht die Sonne ein wenig früher auf als im Westen … und darum ist es in einem Dorf einen winzigen Augenblick früher Mittag … als im Nachbardorf. Man nennt das die wahre Ortszeit. Heute haben wir uns auf gemeinsame Zonen geeinigt … damit die Züge fahren … und die Menschen sich verabreden können. Aber die Sonnenuhr kennt diese Vereinbarung nicht. Sie zeigt treu die Zeit ihres eigenen Flecks Erde … den Mittag genau dann … wenn die Sonne über diesem Ort am höchsten steht.
Bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts … war die Sonnenuhr unentbehrlich. Denn die mechanischen Uhren, die es inzwischen gab … waren noch nicht genau genug. Sie liefen vor oder nach … und mussten immer wieder nachgestellt werden. Und wonach stellte man sie. Nach der Sonne. Sogar auf den Bahnhöfen gab es einen Mittagsweiser … und jeden Mittag, wenn der Schatten die Linie erreichte … richtete man die große Bahnhofsuhr danach. Die ganze feine Räderuhr … mit all ihren Zahnrädern … verließ sich am Ende doch auf den schlichten Schatten eines Stabes. Erst als die mechanischen Uhren zuverlässig wurden … brauchte man das nicht mehr.
Es ist heute schwer vorstellbar … aber über die längste Zeit der Geschichte … war die Sonnenuhr einfach die Uhr. Wenn jemand von einer Uhr sprach … dann meinte er meistens sie. Noch zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war das so. Die Menschen richteten ihren Tag nach dem Licht. Man stand mit der Sonne auf … und ging mit ihr zur Ruhe … und dazwischen sagte der Schatten an der Wand … wie weit der Tag gekommen war. Es war eine langsamere Welt … in der es nicht auf die Minute ankam … sondern auf den Vormittag und den Nachmittag … auf Licht und Dämmerung. Eine Welt, die den Takt der Sonne noch kannte.
Auf viele Sonnenuhren haben die Menschen Sprüche geschrieben. Kleine Sätze … meist in lateinischer Sprache … oben über die Ziffern gesetzt. Viele davon handeln von der Zeit und vom Leben. Einer heißt, übersetzt … die Zeit flieht. Ein anderer sagt … nutze den Tag. Und wieder ein anderer … das Leben ist in Bewegung. Es sind keine großen Belehrungen … es sind eher stille Gedanken … die einem in den Sinn kommen … wenn man einen Schatten wandern sieht. Man liest sie im Vorbeigehen … und sie bleiben ein wenig hängen … ohne dass sie einen drängen.
Der schönste dieser Sprüche ist vielleicht dieser. Ich zähle nur die heiteren Stunden. Auf Deutsch hat man daraus gemacht … mach es wie die Sonnenuhr … zähl die heiteren Stunden nur. Es ist ein Satz, der aus der Uhr selbst zu sprechen scheint. Denn eine Sonnenuhr geht ja nur … wenn die Sonne scheint. Bei trübem Himmel steht sie still … und zeigt gar nichts. Sie zählt wirklich nur die hellen … die heiteren Stunden. Die grauen lässt sie einfach vorüberziehen … ohne sie zu vermerken. Das ist ein tröstlicher Gedanke für den Abend. Die dunklen Stunden müssen nicht gezählt werden. Nur die hellen.
An einer alten Hausfassade in Passau … steht ein längerer Spruch … der den Lauf eines Tages nennt. Übersetzt heißt er ungefähr so. Die Stunde flieht. Der Schatten kommt. Der Glaube bleibt. Das Licht zieht hinüber. Vier kurze Sätze … für den Lauf der Zeit. Die Stunde vergeht … der Schatten wird länger … etwas Stilles bleibt … und das Licht wandert weiter. Es ist, als hätte jemand den ganzen Lauf eines Tages … in vier Zeilen gefasst … und an eine Wand geschrieben … damit die Vorübergehenden ihn lesen … und einen Augenblick innehalten.
Es gibt heute sogar Sonnenuhren … die auf die Minute genau gehen. Findige Bastler haben Uhren gebaut … die den kleinen Fehler der Sonne von selbst ausgleichen. Die eine trägt eine gebogene Walze … an deren Kante der Schatten abgelesen wird. Eine andere hat die Form einer kleinen Kugel … einer Weltkugel … mit einem Punkt in der Mitte. Sie zeigen dann nicht die Sonnenzeit … sondern die Zeit, die auch unsere Uhren zu Hause zeigen. Es ist erstaunlich, was man aus einem Schatten herausholen kann … wenn man nur geduldig genug ist. Aber die meisten Menschen mögen die schlichte Uhr lieber. Die, die einfach nur einen Schatten hält … und ihn wandern lässt.
Und es gibt sie noch immer … die großen neuen Sonnenuhren. Auf einem aufgeschütteten Hügel im Westen Deutschlands … dort, wo früher der Bergbau war … hat man eine riesige Sonnenuhr in den Boden gelegt. Ein weiter Platz … hoch über dem Land … und ein Zeiger, der einen langen Schatten über den Boden wirft. Wer dort hinaufsteigt … steht selbst mitten in der Uhr … und sieht den Schatten über den weiten Boden ziehen. Man hat also nicht aufgehört … aus Schatten die Zeit zu lesen. Man tut es heute nur noch aus Freude an der Sache … aus Freude an einem Zeiger … der ganz ohne Räderwerk auskommt … und den nur das Licht bewegt.
Heute braucht niemand mehr eine Sonnenuhr … um die Zeit zu wissen. Wir tragen die Zeit in der Tasche … auf kleinen leuchtenden Ziffern … immer genau … bei Tag und bei Nacht. Und doch bauen Menschen noch immer Sonnenuhren. In Gärten … an Wohnhäusern … in Parks. Sie hängen an Mauern … und stehen auf Sockeln … nicht mehr, weil man sie braucht … sondern weil man sie gern hat. Weil es schön ist … im Vorbeigehen auf einen wandernden Schatten zu schauen … und zu sehen, dass die Zeit vergeht … ganz ohne Ticken … ganz ohne Eile. Ein Stück Himmel … das auf einer stillen Scheibe zu Boden fällt.
Und wenn du nun an diese stille Mauer denkst … an den hellen Stein und den schmalen Stab … dann brauchst du nichts weiter zu tun. Die Sonne steht am Himmel … der Schatten liegt auf den Ziffern … und alles ist ruhig. Kein Räderwerk … kein Ticken. Nur das Licht und der Schatten … und die Stunden, die vorüberziehen … ohne dass man sie halten müsste. Der Schatten wandert. Ganz langsam wandert er weiter. Von einer Ziffer zur nächsten … so leise … dass man es nicht sieht.
Der Schatten wandert. Und er wandert weiter. Ganz langsam … über den hellen Stein. Du musst ihm nicht folgen. Du musst die Stunden nicht mehr zählen. Nur die heiteren … und auch die nicht mehr heute. Das Licht wird weicher. Der Schatten wird länger. Und die Ruhe bleibt. Du darfst jetzt schlafen. Der Schatten wandert für dich weiter … ganz von allein. Schlaf gut. Gute Nacht. Bis morgen Abend.
Quelle, Lizenz und wie das entsteht
Dieser Text beruht auf dem Wikipedia-Artikel «Sonnenuhr». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.
Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.