Gute Nacht mit Fridolin

Folge 2 · 25. Juli 2026 · 28 Minuten

Das ruhige Auf und Ab der Standseilbahn

Eine ruhige Geschichte zum Einschlafen über die Standseilbahn: über zwei Wagen an einem Seil, die sich in der Mitte begegnen, über alte Wasserballastbahnen, stille Rekorde und Bahnen, die seit über hundert Jahren denselben Hang hinauf- und hinabfahren.

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Wort für Wort, wie Fridolin es erzählt. Zum Mitlesen, Nachschlagen oder Vorlesen.

Guten Abend. Schön, bist du da. Ich bin Fridolin, deine Stimme für die Nacht. Meine Stimme kommt aus dem Computer, und sie wird jeden Abend neu für dich erzeugt. Darum wartet hier jeden Abend eine neue Geschichte auf dich. Heute nehme ich dich mit zur Standseilbahn. Zu zwei Wagen an einem langen Seil, einer oben, einer unten. Zu einem Gleis am Hang, das den Berg hinaufführt. Und zu einer leisen Begegnung in der Mitte. Freu dich drauf. Gleich geht es los.

So. Jetzt sind wir unter uns. Mach es dir bequem. Leg dich so hin, wie du am liebsten einschläfst. Zieh die Decke bis zu den Schultern. Und dann lass uns zusammen ankommen. Spür zuerst dein Gesicht. Lass die Stirn glatt werden. Die Augen dürfen zu sein. Der Kiefer wird weich, die Zunge liegt locker im Mund. Lass die Schultern sinken, ein Stück weiter, als du denkst. Spür deine Arme, wie sie schwer auf der Decke liegen. Die Hände müssen heute nichts mehr halten. Dein Rücken darf sich dem Bett überlassen. Das Bett trägt dich. Spür deine Beine, wie sie lang und schwer werden. Und ganz unten die Füsse, warm und still. Atme einmal tief ein. Und langsam wieder aus. Du musst dir nichts merken. Du musst nichts verstehen. Du darfst jederzeit einschlafen. Und während du so daliegst, schwer und warm, nehme ich dich mit. Hinaus an den Hügel, zu den zwei Wagen am Seil.

Stell dir einen Hügel vor. Es ist Abend. Unten liegt eine kleine Stadt. Die Lichter gehen langsam an. Am Hang liegt ein Gleis. Es führt den Hügel hinauf. Auf dem Gleis stehen zwei Wagen. Einer oben. Einer unten. Zwischen ihnen liegt ein langes Seil. Gleich fahren sie los. Beide zur gleichen Zeit. Ein Wagen fährt hinauf. Ein Wagen fährt hinab. Und in der Mitte begegnen sie sich. Kurz. Leise. Dann ziehen sie weiter. So machen sie das seit vielen, vielen Jahren. Tag für Tag. Abend für Abend. Von dieser Bahn erzähle ich dir heute.

Eine Standseilbahn ist eine Seilbahn. Aber ihre Wagen hängen nicht in der Luft. Sie stehen auf Schienen. Darum heisst sie Standseilbahn. Ein Seil zieht die Wagen den Hang hinauf. Das Seil trägt sie nicht. Es zieht sie nur. Das ist der Unterschied zur Luftseilbahn. Dort hängen die Kabinen am Seil. Hier fahren die Wagen auf festem Grund. Eine Standseilbahn kann auf kurzer Strecke grosse Höhen überwinden. Meistens fahren zwei Wagen. Sie sind fest mit demselben Seil verbunden. Oben in der Bergstation läuft das Seil über eine grosse Scheibe. Man nennt sie Seilscheibe. Fährt der eine Wagen hinauf, fährt der andere hinab. Die beiden halten sich ungefähr im Gleichgewicht. Wie zwei Kinder auf einer Wippe. Der Antrieb muss nur wenig Kraft geben. Er hilft ein bisschen nach. Mehr braucht es nicht. Das ist ein beruhigender Gedanke. Die Bahn arbeitet nicht gegen den Berg. Sie arbeitet mit ihm.

Früher hatte die Standseilbahn viele Namen. Man sagte Seileisenbahn. Oder Drahtseilbahn. Oder Schienenseilbahn. Manche sagten auch Seilstandbahn. Auf Französisch heisst sie Funiculaire. Ein weiches, rundes Wort. Man kann es sich langsam vorsagen. Funiculaire. Nicht jede Bahn mit einem Seil ist übrigens eine Standseilbahn. In San Francisco fahren die Cable Cars durch die Strassen. Ihre Wagen können sich vom Seil lösen. Sie kuppeln sich an und wieder ab. Darum zählen sie nicht dazu. Bei einer echten Standseilbahn bleibt der Wagen immer am Seil. Wagen und Seil gehören zusammen. Sie bleiben verbunden. Die ganze Zeit. Die Standseilbahn ist alt. Sehr alt. Zum ersten Mal beschrieben wurde sie in einem Buch aus dem Jahr vierzehnhundertelf. Das ist über sechshundert Jahre her. Die frühen Bahnen führten zu Burgen auf steilen Bergkuppen. Sie brachten Material nach oben. Und auch Menschen. In Salzburg gibt es so eine Bahn noch heute. Sie führt hinauf zur Festung. Man nennt sie den Reisszug. Er wurde um das Jahr vierzehnhundertfünfundneunzig errichtet. Manche Spuren reichen sogar zurück bis in das Jahr vierzehnhundertsechzig. Ganz am Anfang fuhren dort Schlitten statt Wagen. Der Reisszug gilt als die älteste erhaltene Standseilbahn der Welt. Mehr als fünfhundert Jahre alt. Und es gibt ihn immer noch. Manche Dinge bleiben einfach. Still und geduldig. Jahr um Jahr.

Später kamen die Bahnen für Reisende. Die älteste Standseilbahn für Fahrgäste fuhr in Amerika. Bei den Wasserfällen von Niagara. Sie wurde im Jahr achtzehnhundertfünfundvierzig eröffnet. Ihre Kraft bekam sie vom Wasser. Davon erzähle ich dir gleich noch mehr. In Europa fuhr die erste Standseilbahn in Lyon. Das war im Jahr achtzehnhundertzweiundsechzig. In Budapest fährt seit dem Jahr achtzehnhundertsiebzig eine Bahn den Burgberg hinauf. Sie heisst Sikló. Ein schönes Wort. Sie fährt noch heute. Auf denselben Gleisen wie damals. Sie ist die älteste Standseilbahn Europas, die noch auf ihrer alten Strecke unterwegs ist. Und in Istanbul gibt es seit dem Jahr achtzehnhundertfünfundsiebzig eine Standseilbahn unter der Erde. Sie heisst Tünel. Das bedeutet Tunnel. Sie war die erste U-Bahn ausserhalb von London. Eine kleine, stille Bahn. Tief unter der grossen Stadt. Auch in Deutschland fuhren früh solche Bahnen. In Altona am Hafen zog eine Seilbahn Güterwagen vom Kai hinauf zum höher gelegenen Bahnhof. Das begann im Jahr achtzehnhundertfünfundvierzig. Die Strecke war zweihundertzehn Meter lang. Zuerst drehten Pferde die Winde. Später übernahm eine Dampfmaschine die Arbeit. In der Stadt Zeitz fuhr ab dem Jahr achtzehnhundertsiebenundsiebzig eine Standseilbahn von der Unterstadt in die Oberstadt. Sie nahm Menschen mit. Und sogar Fuhrwerke. Eine Dampfmaschine in der Bergstation zog sie den steilen Weg hinauf. In Österreich fuhr die erste öffentliche Standseilbahn im Jahr achtzehnhundertdreiundsiebzig auf den Leopoldsberg. Die älteste öffentliche Bahn Österreichs, die noch heute fährt, ist die Festungsbahn in Salzburg. Sie ist seit dem Jahr achtzehnhundertzweiundneunzig unterwegs. Zwei Jahre später kam in Graz die Schlossbergbahn dazu.

Woher nimmt so eine Bahn ihre Kraft. Heute meistens von einem Elektromotor. Früher aber halfen Wasser und Schwerkraft. Das ging so. Der Wagen oben am Berg hatte einen grossen Tank. In diesen Tank liess man Wasser laufen. Der Wagen wurde schwer. Immer schwerer. Dann rollte er langsam talwärts. Das Seil lief über die Scheibe. Und so zog der schwere Wagen den anderen Wagen nach oben. Ganz ohne Motor. Nur mit Wasser. Unten liess man das Wasser wieder ab. Oben wurde der nächste Tank gefüllt. So pendelte die Bahn hin und her. Man nennt das eine Wasserballastbahn. Das Wasser kam am liebsten aus einem Bach bei der Bergstation. Gab es dort keinen Bach, wurde das Wasser mit Pumpen nach oben gebracht. Gebremst wurde mit einem Zahnrad. Es griff in eine Zahnstange zwischen den Schienen. So fuhr die Bahn schön langsam. Immer im gleichen Takt. Das Wasser machte die Wagen schwer. Bis zu fünf Tonnen passten in einen Tank. Die Gleise mussten das aushalten. Und zwischen den Fahrten musste man warten. So lange, bis der Tank oben wieder voll war. Darum sind fast alle diese Bahnen heute elektrisch. Aber ein paar Wasserbahnen gibt es noch. In Wiesbaden fährt die Nerobergbahn. Sie ist die einzige Wasserballastbahn in Deutschland, die noch in Betrieb steht. Und in der Schweiz, in der Stadt Freiburg, fährt ebenfalls noch eine Bahn mit Wasserballast. Sie ist die letzte ihrer Art im Land. Sie nimmt dafür kein Trinkwasser. Sie fährt mit dem Abwasser des Quartiers oben am Hang. So wird nichts verschwendet. Die Bahn gehört heute zum Kulturgut des Landes. Und sie fährt weiter. Hinauf und hinab. Wie eh und je.

Dann kam der Strom. Eine der ersten elektrischen Standseilbahnen überhaupt fuhr in der Schweiz. Auf den Bürgenstock. Das war im Jahr achtzehnhundertachtundachtzig. Oben am Berg gab es kein Wasser. Also nahm man einen Elektromotor. Das bewährte sich. Der gleiche Bauherr bestellte danach noch zwei weitere elektrische Bahnen. Eine auf das Stanserhorn. Und eine auf den San Salvatore. Nach und nach wurden viele Wasserbahnen umgebaut. Elektrische Wagen sind leichter. Sie brauchen kleinere Bremsen. Sie können schneller fahren. Und sie können mehr Menschen mitnehmen. So wurde der Strom zum stillen Helfer der Standseilbahn. Man sieht ihn nicht. Man hört ihn kaum. Er dreht einfach die grosse Scheibe in der Bergstation. Runde um Runde. In der Schweiz begann die Zeit der Standseilbahnen im Jahr achtzehnhundertsiebenundsiebzig. In Lausanne fuhr die erste. Zwei Jahre später folgte die Giessbachbahn im Berner Oberland. Sie fährt noch heute. Sie ist die älteste Standseilbahn der Schweiz, die noch in Betrieb steht. Und sie ist die älteste Seilbahn Europas, die allein für den Tourismus gebaut wurde. Danach ging es Schlag auf Schlag. Eine Bahn am Genfersee. Eine Bahn auf den Gütsch in Luzern. Die Marzilibahn in Bern. Eine Bahn in Lugano, vom Bahnhof ins Zentrum der Stadt. Viele dieser Bahnen entstanden zusammen mit Hotels. Ein Bauunternehmer und Hotelier tat sich dabei besonders hervor. Zusammen mit seinem Geschäftspartner baute er gleich mehrere Bahnen. Die Gäste kamen. Die Bahnen fuhren. Ein Wagen hinauf. Ein Wagen hinab. Und in der Mitte begegnen sie sich.

Dann wurde es ruhiger. Im Jahr neunzehnhundertvierunddreissig wurde in der Schweiz für lange Zeit die letzte neue Standseilbahn eröffnet. Fast fünfzig Jahre lang kam keine mehr dazu. Erst im Jahr neunzehnhundertachtzig baute man wieder eine. In Zermatt. In den Skigebieten reichten die Luftseilbahnen nicht mehr aus. Also besann man sich auf die alte, verlässliche Bauart. Und im Jahr zweitausendeins bekam die Stadt Neuenburg wieder eine neue Bahn mitten in der Stadt. Die alten Bahnen aber blieben. Viele wurden über die Jahre gründlich erneuert. Einige sehen noch heute fast so aus wie in ihrer Gründerzeit. Die Bahn auf das Stanserhorn zum Beispiel. Oder die Giessbachbahn. Sie tragen ihre alte Zeit mit Würde. Und sie fahren. Jeden Tag. Auch in fernen Städten fahren solche Bahnen. In Valparaíso zum Beispiel. Das ist eine Hafenstadt in Chile. Sie liegt an steilen Hügeln. Dort baute man einst rund dreissig kleine Bahnen. Man nennt sie Ascensores. Das heisst Aufzüge. Zehn davon fahren noch heute. Die meisten stehen unter Denkmalschutz. Das historische Hafenviertel der Stadt gehört zum Welterbe. Und die kleinen Bahnen gehören dazu. In der Hauptstadt Santiago fährt auch eine Standseilbahn. Sie hält unterwegs sogar beim Zoo. In Lissabon in Portugal gibt es drei alte Standseilbahnen mitten in der Stadt. Sie wurden vor mehr als hundertdreissig Jahren eröffnet. Und in Amerika, in der Stadt Pittsburgh, gab es einmal vierundzwanzig solcher Bahnen. Sie hiessen Inclines. Zuerst trugen sie Kohle den Hang hinauf. Später fuhren Menschen mit. Zwei dieser Bahnen sind geblieben. Überall auf der Welt dasselbe ruhige Bild. Ein Hang. Ein Seil. Zwei Wagen.

Die Wagen einer Standseilbahn sind besondere Wagen. Sie sind schräg gebaut. So schräg wie ihr Hang. Nur ist der Hang selten überall gleich steil. Darum steht der Boden im Wagen manchmal ein wenig schief. Das gehört dazu. Neue Bahnen können noch mehr. Bei der Bahn auf den Stoos in der Schweiz sind die Abteile beweglich aufgehängt. Genauso bei der Hungerburgbahn bei Innsbruck. Eine Steuerung gleicht die Neigung aus. Die Abteile drehen sich ganz sanft. Der Boden bleibt immer waagrecht. Die Fahrgäste stehen gerade. Egal, wie steil es draussen wird. Kleine Wagen fassen ungefähr zwanzig Personen. Die grössten Züge fassen bis zu vierhundertfünfzig. Meistens aber genügen zwei Wagen. Einer hinauf. Einer hinab.

Ganz am Anfang hatten die Bahnen zwei Gleise nebeneinander. Für jeden Wagen eines. Dann kam eine kluge Erfindung. Eine Weiche ohne bewegliche Teile. Man nennt sie die Abtsche Weiche. Seither genügt ein einziges Gleis. Nur in der Mitte der Strecke teilt es sich. Dort liegt die Ausweiche. Die Räder der Wagen sind dafür besonders gebaut. Auf der einen Seite haben sie eine doppelte Führung. Auf der anderen Seite sind sie glatt und breit. Fast wie kleine Walzen. Beim einen Wagen sitzt die Führung auf der einen Seite. Beim anderen Wagen auf der anderen. Darum findet jeder Wagen in der Ausweiche von selbst seinen Weg. Niemand muss eine Weiche stellen. Nichts klappert. Nichts entscheidet sich. Es ist immer gleich. Die Wagen begegnen sich. Ganz ruhig. Ganz sicher. Und ziehen aneinander vorbei. Immer an derselben Stelle.

Das Gleis einer Standseilbahn sieht aus wie ein gewöhnliches Bahngleis. Schwellen. Schienen. Kleine Eisenteile, die alles zusammenhalten. Aber am Hang zieht das eigene Gewicht das Gleis talwärts. Darum wird es bei steilen Bahnen zusätzlich mit Ankern im Boden festgehalten. Und noch etwas kann die Standseilbahn gut. Sie kann Kurven fahren. Eine Luftseilbahn muss in gerader Linie geführt werden. Eine Standseilbahn nicht. Ihr Gleis darf sich dem Gelände anpassen. In den Kurven führen schräg gestellte Rollen das Seil. Und in den Mulden halten besondere Halterungen das Seil unten am Gleis. So bleibt alles an seinem Platz. Das Seil läuft. Die Rollen drehen sich. Der Wagen folgt seinem Gleis. Die meisten Standseilbahnen fahren auf Schienen. Aber es gibt Ausnahmen. Im Dorf Serfaus in Österreich fährt eine kleine Bahn unter der Erde. Sie schwebt auf einem Luftkissen. Ein Seil zieht sie durch ihren Tunnel. Am Flughafen Zürich schwebt ebenfalls eine solche Bahn durch einen Tunnel. In der Stadt Haifa fährt eine kleine U-Bahn auf Gummireifen. Auch sie wird von einem Seil gezogen. Und dann gibt es noch das Telefuni. Bei dieser Bauart rollen die Wagen auf zwei gespannten Drahtseilen. Wie auf Schienen aus Draht. Viele Formen. Ein Prinzip. Ein Seil zieht. Und der Wagen folgt.

Die Standseilbahn hat auch Verwandte. Bahnen, die ihr ähnlich sind. Bei ihnen läuft ein Seil endlos im Kreis. Und die Wagen halten sich daran fest. Sie können sich ankuppeln. Und wieder loslassen. In der Stadt Perugia in Italien verbindet so eine Bahn einen grossen Parkplatz mit der Altstadt. In Las Vegas fährt eine bei einem grossen Hotel. Und in der französischen Stadt Laon fuhren viele Jahre lang kleine Wagen auf Gummireifen durch die Stadt. Ganz ohne Fahrer. Auch sie hielten sich an einem laufenden Seil fest. Das sind keine echten Standseilbahnen. Aber sie gehören zur selben Familie. Zur Familie der gezogenen Bahnen.

Auch das Seil hat sein eigenes Gewicht. Bei langen Bahnen wiegt das Seil mehr als die Fahrgäste. Wenn die Wagen in den Stationen stehen, liegt fast das ganze Seil auf einer Seite des Berges. Beim Losfahren muss der Antrieb diese ganze Last den Hang hinaufziehen. Dann wird es leichter. Stück für Stück. Bis zur Mitte. Dort sind beide Seiten des Seils gleich lang. Alles ist im Gleichgewicht. Die beste Bahn beginnt darum unten ganz flach. Und wird gegen oben immer steiler. Dann gleicht das eine das andere aus. Ein paar Bahnen wurden fast genau so gebaut. Eine in Barcelona. Eine in Südtirol. Es gibt übrigens auch Bahnen ganz ohne Steigung. Sie verbinden zwei Orte auf gleicher Höhe. In Städten zum Beispiel. Oder an Flughäfen. Dann hilft ein zweites Seil, damit die Wagen nie stehen bleiben. Es läuft unten um eine zweite Scheibe. Alles bleibt in Bewegung. Ruhig und rund.

Standseilbahnen haben keine Eile. Die meisten fahren ungefähr zwanzig Kilometer in der Stunde. Nur in Ausnahmefällen sind es fünfzig. In der Regel fährt alle fünfzehn bis zwanzig Minuten ein Wagen. So geht das. Den ganzen Tag. Viele kleine Bahnen fahren heute ganz ohne Fahrer. Man drückt einen Knopf. Wie bei einem Aufzug. Dann setzt sich die Bahn in Bewegung. In Baden-Baden ist das so. In Sankt Gallen. Und in Zürich, bei der Bahn zum Rigiblick. Die Bahn wartet geduldig an ihrer Station. Und wenn du kommst, fährt sie mit dir hinauf. Sie stellt keine Fragen. Sie fährt einfach. Das ist ihre ganze Aufgabe.

In den Bergen halfen Standseilbahnen beim Bau von Kraftwerken. Sie brachten Menschen und Material nach oben. Hoch zu den Stauseen. Als die Arbeit getan war, blieben viele dieser Bahnen erhalten. Heute darf jeder mitfahren. Die Gelmerbahn zum Beispiel. Sie führt zu einem See hoch über dem Tal. Manche dieser Bahnen haben nur einen einzigen Wagen. Dann hängt am anderen Ende des Seils ein Gegengewicht. Oder eine Winde zieht den Wagen hinauf. Solche Bahnen nennt man Schrägaufzüge. Sie funktionieren wie ein Aufzug im Haus. Nur fahren sie nicht senkrecht. Sie fahren schräg. Den Hang entlang. Langsam und stetig. Auch im Bergbau halfen solche Aufzüge. Sie brachten Menschen und Gestein durch schräge Schächte nach oben.

Ein paar Zahlen noch. Ganz ohne Eile. Die steilste Standseilbahn der Welt fährt in Australien. Bei einem Ort namens Katoomba. Ihre Steigung beträgt hundertachtundzwanzig Prozent. Das sind zweiundfünfzig Grad. Die steilste Bahn mit zwei Kabinen fährt in der Schweiz. Von Schwyz hinauf auf den Stoos. Hundertzehn Prozent. Das sind achtundvierzig Grad. Auf hundert Meter in der Waagerechten steigt sie hundertzehn Meter in die Höhe. Der steilste Schrägaufzug Europas ist die Gelmerbahn. Von ihr habe ich dir schon erzählt. Sie schafft hundertsechs Prozent. Die längste Standseilbahn, die heute fährt, gehört zu einer Gletscherbahn. Sie liegt in einem Stollen tief im Berg. Sie ist viertausendachthundertsiebenundzwanzig Meter lang. Das ist fast fünf Kilometer. Eine lange, stille Fahrt durch den Fels. Und die kürzesten Bahnen. In England fuhr einmal eine Bahn von nur einunddreissig Metern. Sie war wohl die kürzeste der Welt. In Frankreich gibt es einen Schrägaufzug von nur dreissig Metern. Ein paar Schritte, könnte man sagen. Aber die Bahn fährt sie würdevoll. Die kürzeste Bahn Italiens steht in Südtirol. Sie ist knapp siebenundsechzig Meter lang. Und die kürzeste Standseilbahn der Schweiz steht am Flughafen Zürich. Sie ist vierundsiebzig Meter lang. Seit dem Jahr zweitausendzwanzig darf man dort kostenlos mitfahren. Eine kurze Fahrt. Ein kurzer Weg. Und doch eine richtige Standseilbahn. Mit Seil. Mit Schienen. Mit allem, was dazugehört.

Zum Schluss noch ein paar besondere Bahnen. Es gibt eine Bergbahn, die ganze Eisenbahnwagen den Hang hinaufträgt. Die Oberweissbacher Bergbahn. Einer ihrer Wagen ist ein normaler Personenwagen. Der andere ist eine flache Bühne. Auf diese Bühne wird ein Eisenbahnwagen gestellt. Dann fährt er den Berg hinauf. Wie auf einem Tablett. In Triest in Italien hilft eine Standseilbahn der Strassenbahn. Kleine Schiebewagen drücken die Strassenbahn das steilste Stück hinauf. Man nennt sie Traktoren. Diese Anlage fährt noch heute. Und in Grenoble in Frankreich verbindet eine kleine Bahn zwei Forschungszentren. Sie fährt sogar über eine Strasse hinweg. Ihre Kabine ist innen besonders rein. Die Luft darin ist fast ohne Staub. Sie trägt empfindliche Geräte. Sanft und ohne Stösse. Eine Bahn wie eine ruhige Hand. Es gab auch Ideen, die wieder verschwunden sind. Ein Mann namens Agudio entwickelte einst eine besondere Standseilbahn. Bei seiner Bahn zog nicht das Seil den Wagen. Der Wagen zog sich selbst. Er wand sich an einem fest verankerten Seil empor. Ein zweites, umlaufendes Seil lieferte ihm dafür die Kraft. Das klingt kompliziert. Und das war es auch. Ein paar Strecken wurden versucht. Die letzte Anlage nach diesem System fuhr bei Turin. Bis in die dreissiger Jahre. Es gab sogar Pläne für ganz grosse Bahnen dieser Art. Quer durch die Alpen. Aber der Betrieb war zu kompliziert. Man liess es bleiben. Auch das ist in Ordnung. Manche Ideen dürfen ruhen.

Früher gab es in den Schweizer Bergen auch Bahnen mit Schlitten statt Wagen. Zwei Schlitten an einem Seil. Die Leute nannten sie Funi. Das kommt vom französischen Wort Funiculaire. Diese Bahnen brauchten fast keine Anlagen. Nach dem Winter wurden sie einfach weggeräumt. Später kamen die Skilifte. Und die Schlittenbahnen verschwanden. In Grindelwald fuhr die letzte bis in das Jahr neunzehnhundertfünfundneunzig. Und noch etwas gibt es. Bahnen für Schiffe. Man nennt sie Schiffshebewerke. Dort fährt eine grosse Wanne voller Wasser auf Schienen den Hang hinauf. In der Wanne schwimmt ein Schiff. Die Wanne hängt an einem Seil. Wie bei jeder Standseilbahn. Nur sind die Fahrgäste hier Schiffe. Sie fahren geduldig bergauf. Mitsamt ihrem Wasser.

Und jetzt kehren wir zurück. Zu unserem Hügel vom Anfang. Es ist spät geworden. Unten in der kleinen Stadt gehen die Lichter aus. Eines nach dem anderen. Die beiden Wagen stehen still. Einer oben. Einer unten. So wie immer. Das Seil ruht in der Dunkelheit. Es liegt einfach da. Die grosse Scheibe in der Bergstation steht still. Auch sie hat Feierabend. Morgen früh beginnt alles von vorn. Ein Wagen fährt hinauf. Ein Wagen fährt hinab. Und in der Mitte begegnen sie sich. So war es gestern. So ist es heute. So ist es morgen. Immer dieselbe Strecke. Immer derselbe Takt. Die Bahn kennt ihren Weg. Sie kennt jede Schwelle. Jede Kurve. Jede Rolle am Gleis. Sie braucht kein Licht dafür. Sie braucht keine Eile. Sie fährt. Und fährt. Und ruht.

Die Standseilbahn hat es nie eilig gehabt. Sie fährt seit über hundert Jahren. Hinauf. Und hinab. Hinauf. Und hinab. Zwei Wagen. Ein Seil. Ein stilles Gleichgewicht. Du musst nirgends mehr hinauf. Du musst nirgends mehr hinab. Du bist schon da. Deine Decke ist warm. Dein Atem geht ruhig. Deine Augen sind schwer. Das ist gut so. Lass den Tag los. Er ist vorbei. Die Wagen ruhen. Das Seil ruht. Und du darfst jetzt schlafen. Alles ist an seinem Platz. Alles ist im Gleichgewicht. Ich bin morgen Abend wieder da. Mit einer neuen Geschichte. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.

Quelle, Lizenz und wie das entsteht

Dieser Text beruht auf dem Wikipedia-Artikel «Standseilbahn». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.

Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.