Das ruhige Leben der Leuchttürme
Eine ruhige Geschichte zum Einschlafen über Leuchttürme: ihr Licht, ihre Kennung, ihre Geschichte und die Menschen, die sie gebaut und gehütet haben.

Der ganze Text dieser Folge
Wort für Wort, wie Fridolin es erzählt. Zum Mitlesen, Nachschlagen oder Vorlesen.
Guten Abend. Schön, bist du da. Ich bin Fridolin, deine Stimme für die Nacht. Meine Stimme kommt aus dem Computer, und sie wird jeden Abend neu für dich erzeugt. Darum wartet hier jeden Abend eine neue Geschichte auf dich. Heute nehme ich dich mit zu den Leuchttürmen. Zu einer Küste bei Nacht. Zu einem Licht, das über das Wasser wandert. Und zu stillen Türmen, die Wache halten. Freu dich drauf. Gleich geht es los.
So. Jetzt sind wir unter uns. Mach es dir bequem. Leg dich so hin, wie du am liebsten einschläfst. Zieh die Decke bis zu den Schultern. Und dann lass uns zusammen ankommen. Spür zuerst dein Gesicht. Lass die Stirn glatt werden. Die Augen dürfen zu sein. Der Kiefer wird weich, die Zunge liegt locker im Mund. Lass die Schultern sinken, ein Stück weiter, als du denkst. Spür deine Arme, wie sie schwer auf der Decke liegen. Die Hände müssen heute nichts mehr halten. Dein Rücken darf sich dem Bett überlassen. Das Bett trägt dich. Spür deine Beine, wie sie lang und schwer werden. Und ganz unten die Füsse, warm und still. Atme einmal tief ein. Und langsam wieder aus. Du musst dir nichts merken. Du musst nichts verstehen. Du darfst jederzeit einschlafen. Und während du so daliegst, schwer und warm, nehme ich dich mit. Hinaus an die Küste, zu den Leuchttürmen.
Stell dir eine Küste vor. Es ist Nacht. Das Meer ist dunkel und gross. Die Wellen kommen und gehen. Sie kommen. Und sie gehen. Am Ende der Landzunge steht ein Turm. Er ist weiss gestrichen, mit einem roten Band in der Mitte. Oben im Turm brennt ein Licht. Das Licht dreht sich. Es wandert über das Wasser. Ein kurzer Blitz. Dann Dunkelheit. Dann wieder ein Blitz. Immer im gleichen Takt. Das Licht dreht sich. Und dreht sich weiter. Die ganze Nacht hindurch. Und wir haben alle Zeit der Welt, ihm zuzusehen.
Bleiben wir noch einen Moment hier stehen, am dunklen Ufer. Der Sand ist kühl. Der Wind ist mild. Über uns ein paar Sterne, unter uns das leise Klatschen der Wellen. Es gibt hier nichts zu tun. Nichts zu erledigen. Wir schauen einfach dem Licht zu, wie es kommt und geht. Es wandert über das Wasser und ist wieder fort. Ein paar ruhige Herzschläge Dunkelheit. Und dann kommt es wieder. Immer gleich. Immer freundlich. Man muss dem Licht nicht folgen. Man muss es nur da sein lassen. Und während es sich dreht, wird der Atem von ganz allein ein wenig langsamer.
Ein Leuchtturm ist eine einfache Sache. Er ist ein Turm, der ein Feuer trägt. So kann man es sagen. Ein Turm, der ein Feuer trägt. Das Feuer ist heute meist eine Lampe. Aber der Name ist geblieben. Man spricht noch immer vom Leuchtfeuer. Das Leuchtfeuer zeigt den Schiffen in der Nacht den Weg. Es sagt ihnen, wo das Land beginnt. Es warnt sie vor flachen Stellen. Es zeigt ihnen die Einfahrt in den Hafen. Ein Leuchtturm ist wie ein freundlicher Zeigefinger an der Küste. Er sagt, hier bin ich. Hier ist die Küste. Fahr vorsichtig. Er sagt es leise, nur mit Licht, und er sagt es die ganze Nacht.
Jeder Leuchtturm hat sein eigenes Lichtsignal. Man nennt es die Kennung. Der eine Turm blitzt alle fünf Sekunden. Der andere blitzt zweimal kurz hintereinander, und dann eine Weile gar nicht. Wieder ein anderer zeigt ein rotes Licht, dann ein weisses. Jeder Turm hat seinen eigenen Rhythmus. So wie jeder Mensch seinen eigenen Herzschlag hat. Die Seeleute kennen diese Rhythmen. Sie stehen in dicken Verzeichnissen und in den Seekarten. Ein Kapitän sieht in der Nacht ein Blinken am Horizont. Er zählt die Sekunden. Er schaut in seine Karte. Und dann weiss er genau, welcher Turm dort leuchtet. Und wenn er weiss, welcher Turm dort steht, dann weiss er auch, wo sein Schiff ist. So einfach ist das. Und so schön. Ein Blinken in der Nacht. Ein Blick in die Karte. Und die Welt ist wieder geordnet.
Du kannst das selber ausprobieren, im Kopf, ganz ohne Meer. Stell dir vor, du stehst am dunklen Ufer und schaust hinaus. Da draussen blitzt ein Licht. Du zählst. Eins, zwei, drei, vier. Und wieder ein Blitz. Eins, zwei, drei, vier. Und wieder. Immer derselbe Abstand. Immer dasselbe ruhige Mass. Du musst nichts entscheiden. Du zählst nur mit. Und mit jedem Blitz wird das Zählen ein wenig langsamer, ein wenig weicher. Das Licht nimmt dich an die Hand und gibt dir den Takt. Du musst ihn nur annehmen. Eins, zwei, drei, vier. Und wieder von vorn.
Manche Türme können noch mehr. Sie färben ihr Licht, je nachdem, aus welcher Richtung man sie ansieht. Nach der einen Seite leuchten sie weiss. Nach der anderen Seite leuchten sie rot. Der Steuermann kann also aus der Farbe lesen, wo er gerade fährt. Solange das Licht weiss ist, ist alles gut. Wird es rot, dreht er ein wenig ab. Bis es wieder weiss wird. So führt der Turm die Schiffe durch die Nacht, allein mit Farben. Weiss heisst, du bist richtig. Rot heisst, komm ein wenig herüber. Kein Wort wird gesprochen, kein Ruf geht übers Wasser. Nur eine Farbe, die sich sanft verändert. Und die Schiffe folgen dem weissen Licht, ganz von selbst, wie Nachtfalter, nur viel langsamer. Und viel ruhiger.
Das Licht im Turm wird gebündelt. Dafür gibt es besondere Linsen. Sie heissen Fresnel-Linsen, nach einem französischen Physiker. Er hat sie vor rund zweihundert Jahren entwickelt. Diese Linsen sind leicht und stark zugleich. Mehrere von ihnen stehen im Kreis um die Lampe herum. Der ganze Kreis dreht sich. Langsam und gleichmässig. Wie ein Karussell aus Glas. Jede Linse sammelt das Licht und schickt es als schmalen Strahl hinaus aufs Meer. Wenn der Strahl an deinem Auge vorbeiwandert, siehst du einen kurzen Blitz. Dann wandert er weiter. In der Ferne, auf dem Wasser, sieht man das Licht kommen und gehen. Kommen und gehen. Im Nebel kann man sogar den ganzen Lichtkegel sehen. Er streicht durch die feuchte Luft wie ein ruhiger, heller Arm. Ein Arm aus Licht, der über das Wasser streicht und niemanden weckt. Das Licht dreht sich. Und dreht sich weiter.
Früher war das Licht ein echtes Feuer. Ganz am Anfang verbrannte man Holz und Kohle, oben auf dem Turm, in einer offenen Schale. Später kamen Öllampen. Dann erfand ein Physiker aus Genf eine bessere Lampe. Sie hatte einen runden, hohlen Docht und brannte heller und ruhiger als alles zuvor. Das war vor mehr als zweihundert Jahren. Wieder später kam das Gaslicht. Man versuchte es sogar eine Zeit lang mit Bogenlampen, bei denen ein Lichtbogen zwischen zwei Kohlestiften brannte. Doch die machten viel Arbeit. Dann kam die Glühlampe. Wenn eine Glühlampe kaputtging, schwenkte eine Ersatzlampe an ihren Platz. Ganz von selbst. Heute leuchten in vielen Türmen kleine, sparsame Lampen mit Leuchtdioden. Das Licht ist über die Jahrhunderte immer heller geworden. Und immer ruhiger. Vom flackernden Feuer zum gleichmässigen Strahl. Aber die Aufgabe ist dieselbe geblieben. Leuchten. Einfach leuchten. Die ganze Nacht hindurch.
Wie weit reicht so ein Licht. Das kommt darauf an. Die meisten Leuchtfeuer sieht man von fünf bis zwanzig Seemeilen weit. Eine Seemeile ist etwas mehr als anderthalb Kilometer. Die Erde ist rund, und darum verschwindet jedes Licht irgendwann hinter dem Horizont. Je höher der Turm steht, desto weiter reicht sein Licht. Darum baut man Leuchttürme gern auf Hügeln an der Küste. Dann darf der Turm selbst etwas kleiner sein. Wie weit ein Licht am Ende trägt, ist immer auch ein Abwägen. Zwischen dem, was möglich wäre, und dem, was ein Turm kosten darf, im Bau und in der Pflege. Und das Wetter spielt mit. Regen, Schnee und Nebel machen das Licht weicher und kürzer. Die Seeleute wissen das. Sie rechnen mit dem Wetter. Sie rechnen mit allem. Und der Turm leuchtet einfach weiter.
In Nächten mit dickem Nebel reicht das Licht allein manchmal nicht. Dann bekommt der Turm eine Stimme. Er hat ein Nebelhorn, und wenn die Sicht schlecht wird, ruft er mit einem tiefen, langen Ton übers Wasser. Ein Ton, dann eine Pause. Wieder ein Ton, wieder eine Pause. Früher hatten manche Türme statt des Horns eine grosse Glocke. Ihr Klang trug weit über das graue Meer. Stell dir das vor. Weisser Nebel überall, kein Ufer zu sehen, nur Wasser und Watte. Und irgendwo da draussen ruft in ruhigen Abständen ein tiefer Ton. Er sagt dasselbe wie das Licht. Er sagt, hier bin ich, hier ist die Küste, alles ist gut. Nur eben mit Klang statt mit Licht. Ein Ton. Eine Pause. Ein Ton. Eine Pause.
Manchmal aber steht ein Turm auf seinem Hügel zu hoch. Dann verschwindet sein Licht im Hochnebel. In Südafrika gab es so einen Turm, hoch oben auf einem Kap, mehr als zweihundert Meter über dem Meer. Sein Licht verschwand zu oft in den Wolken. Also baute man vor gut hundert Jahren weiter unten einen neuen Turm. Näher am Wasser, unter dem Nebel. Seither leuchtet er dort. Ruhig und zuverlässig. Es gibt aber auch die anderen, die richtig hoch hinauswollen. Der Leuchtturm von Dschidda in Saudi-Arabien misst hundertdreiunddreissig Meter. Und die höchste deutsche Befeuerung sitzt gar nicht auf einem eigenen Turm. Sie sitzt oben auf einem Hotel an der Ostsee, hundertvierzehn Meter über dem Wasser. Ein Licht auf einem Hoteldach, das den Schiffen den Weg weist. Auch das gibt es.
Es gibt noch etwas Schönes über den Horizont zu erzählen. Wenn ein Schiff auf einen Leuchtturm zufährt, taucht sein Licht irgendwann am Horizont auf. Genau an der Linie, wo das Wasser den Himmel berührt. Die Seeleute nennen diese Linie die Kimm. Ein altes, weiches Wort. Die Kimm. Zuerst ist da nur die dunkle Linie. Dann, ganz plötzlich, sitzt ein kleines Licht darauf, wie ein Funke, der eben erst geboren wurde. In dem Moment, in dem das Licht in der Kimm auftaucht, kann der Kapitän ausrechnen, wie weit der Turm entfernt ist. Er braucht dafür nur die Höhe des Turms und die Höhe seiner eigenen Augen über dem Wasser. Alte Schulmathematik. Der Satz des Pythagoras, mehr nicht. So haben Menschen über viele Jahrzehnte ihren Ort auf dem Meer gefunden. Ein Licht taucht auf. Man rechnet ein wenig. Und man weiss, wo man ist.
Die Türme selbst sind so verschieden wie die Küsten, an denen sie stehen. Die alten Türme sind gemauert. Aus Stein, rund oder achteckig. Manche sehen aus wie ein Haus mit einer Laterne auf dem Dach. In vielen alten Türmen gab es Wohnräume. Dort lebte der Leuchtturmwärter. Manchmal mit seiner Familie. Es gab eine kleine Küche, ein Bett, einen Tisch. Draussen ein Nebengebäude, vielleicht einen Garten. Der Wärter stieg jeden Abend die Wendeltreppe hinauf. Stufe um Stufe. Er zündete das Licht an. Er putzte die Linsen, bis sie klar waren. Er trug Öl nach oben und schrieb in sein Tagebuch, welches Wetter war und dass das Licht brannte. Und dann sass er oben und wachte. Nacht für Nacht. Jahr für Jahr. Immer dieselben Handgriffe, in derselben Reihenfolge. Ein langsamer Beruf. Ein Beruf aus Wiederholung und Sorgfalt. Heute gibt es diesen Beruf nicht mehr. Die Technik macht die Arbeit von selbst. Die Lichter schalten sich alleine ein und wieder aus. Aber die alten Wohnräume gibt es noch. Und die Wendeltreppen auch.
Stell dir eine solche Nacht im Turm vor, wie sie früher war. Draussen der Wind, drinnen die Wärme einer kleinen Lampe. Der Wärter sitzt oben in seinem gläsernen Zimmer, und über ihm dreht sich das grosse Licht. Er muss nicht viel tun. Ab und zu die Flamme prüfen. Ab und zu ins Tagebuch schreiben. Sonst nur sitzen und schauen. Unter ihm das Meer, das er nicht sieht, nur hört. Ein langes, ruhiges Rauschen, die ganze Nacht. Und über ihm der stille Kreis aus Licht, der sich dreht und dreht. Es muss ein einsamer Beruf gewesen sein. Aber vielleicht auch ein friedlicher. Wachen, während alle anderen schlafen. Und wissen, dass das eigene Licht irgendwo da draussen jemandem hilft.
Später baute man Türme aus Eisen. Aus Gusseisen zuerst, dann aus Stahl. Leichte Gerüste, die dem Wind wenig Fläche bieten. Wieder später kamen Türme aus Beton. Es gibt sogar einen kleinen Turm aus Kunststoff, an einem grossen Fluss im Norden. Er ist eine Ausnahme geblieben. Oben auf jedem Turm sitzt das Lampenhaus. Man nennt es auch die Laterne. Ein Raum aus Glas, in dem das Licht wohnt. Ringsum die Scheiben, in der Mitte die Lampe, und darüber ein Dach gegen den Regen. Ein kleines gläsernes Zimmer, hoch über dem Meer, in dem es niemals ganz dunkel wird. Ein schöner Ort zum Denken, könnte man meinen. Und der ruhigste Nachbar der Welt ist das Licht, das sich immerzu dreht.
An manchen Stellen im Meer konnte man gar keinen Turm bauen. Der Grund war zu weich oder das Wasser zu tief. Dort legte man Feuerschiffe vor Anker. Ein Feuerschiff ist ein Schiff, das nirgendwohin fährt. Es liegt einfach da, Jahr um Jahr, an derselben Stelle. Auf seinem Mast trägt es ein Leuchtfeuer, bis zu fünfundvierzig Meter über dem Wasser. Die Besatzung lebte an Bord und wartete das Licht. Sie schaukelten mit den Wellen, sanft und immerzu, und blieben doch immer am selben Fleck. Ein Schiff, dessen ganze Aufgabe es ist, still zu liegen und zu leuchten. Das berühmteste in Deutschland trug den Namen Elbe eins. Heute gibt es fast keine Feuerschiffe mehr, nur noch ganz wenige Plätze werden überhaupt besetzt. Aber die Vorstellung ist schön. Ein Schiff, das bleibt, wo es ist. Während alle anderen vorbeifahren.
Für schmale Fahrrinnen haben sich die Menschen noch etwas anderes ausgedacht. Das Richtfeuer. Ein Richtfeuer besteht aus zwei Lichtern. Eines steht vorne am Ufer, eher niedrig. Man nennt es das Unterfeuer. Das andere steht ein Stück dahinter, auf einem höheren Turm. Man nennt es das Oberfeuer. Unterfeuer und Oberfeuer. Zwei ruhige Wörter. Die beiden Lichter blinken im gleichen Takt, wie zwei Instrumente, die dasselbe Stück spielen. Und nun kommt das Schöne. Wenn ein Schiff genau in der Mitte der Fahrrinne fährt, stehen die beiden Lichter für den Steuermann exakt übereinander. Das untere Licht unten. Das obere Licht darüber. Eine gerade, stille Linie. Weicht das Schiff zur Seite ab, rutschen die Lichter auseinander. Der Steuermann muss also nur eines tun. Er hält die beiden Lichter übereinander. Mehr nicht. Die ganze Fahrt den Fluss hinauf. Solche Richtfeuer baut man bis heute. An der Elbe entstand noch vor wenigen Jahren eine neue Linie, für die grossen Schiffe, die nach Hamburg wollen. Zwei Lichter, übereinander, in einer ruhigen Linie. So einfach kann Navigation sein.
Und wo hat das alles angefangen. Niemand weiss es genau. Sicher ist nur, am Mittelmeer gab es schon vor sehr langer Zeit regen Handel über das Meer. Und wo Schiffe nachts nach Hause finden müssen, da gibt es Feuer an der Küste. Aus jener frühen Zeit erzählt man sich von zwei grossen Bauwerken. Das eine war ein riesiges Standbild auf einer griechischen Insel. Ob es wirklich ein Leuchtfeuer trug, weiss heute niemand mehr so recht. Vielleicht ja, vielleicht nein. Die Zeit hat es uns nicht verraten. Das andere aber ist berühmt. Es führt uns nach Ägypten.
Vor mehr als zweitausend Jahren baute man dort einen gewaltigen Turm. Er stand auf einer Insel namens Pharos, vor der Stadt Alexandria. Er war weit über hundert Meter hoch. Sein Feuer leuchtete den Schiffen über eintausendsechshundert Jahre lang. Eintausendsechshundert Jahre. Nacht für Nacht. Generationen von Menschen kamen und gingen. Reiche entstanden und vergingen. Und das Feuer auf dem Turm brannte weiter. Erst ein grosses Erdbeben brachte den alten Turm schliesslich zu Fall. Die Insel Pharos hat ihm ihren Namen geliehen. In vielen Sprachen des Südens heisst der Leuchtturm noch heute Pharos. Sogar die Lehre von den Leuchttürmen trägt diesen Namen. Man nennt sie die Pharologie. Es gibt also Menschen, die sich ihr Leben lang mit Leuchttürmen beschäftigen. Es gibt sogar dicke Lexikon-Bücher, die nichts anderes tun, als Leuchttürme aufzuzählen, einen nach dem anderen. Das ist ein beruhigender Gedanke.
Auch die Römer bauten Leuchttürme. Einer davon steht noch heute. Er steht im Nordwesten von Spanien, an einer grünen, windigen Küste. Man nennt ihn den Herkulesturm. Ein römischer Baumeister vollendete ihn vor fast zweitausend Jahren. Später bekam der alte Turm einen neuen Mantel aus hellem Stein. Und er leuchtet immer noch. Er ist der älteste Leuchtturm der Welt, der noch in Betrieb ist, und gehört heute zum Welterbe der Menschheit. Schiffe, die dort vorbeifahren, sehen ihr Licht am selben Ort wie die Schiffe der Römer. Natürlich ist die Lampe eine andere. Aber der Ort ist derselbe. Der Turm ist derselbe. Von anderen römischen Türmen, etwa an der englischen Küste bei Dover, stehen heute nur noch stille Reste. Der Herkulesturm aber tut seine Arbeit weiter. Manche Dinge bleiben einfach stehen. Zweitausend Jahre lang.
In den Jahrhunderten danach war es einfacher. Fischer richteten sich nach kleinen Feuern am Strand. Nach Fackeln und Körben voll Glut. Mönche kümmerten sich um manche dieser Feuer. Sie hielten das für eine gute Tat, und das war es wohl auch. Ein Feuer hüten, damit andere nach Hause finden. Später bauten die Handelsstädte an der Ostsee ihre ersten richtigen Zufahrtsfeuer. Lübeck war früh dabei. Das Hafenzeichen von Travemünde wurde schon vor achthundert Jahren in einer kaiserlichen Urkunde bestätigt. Auch Wismar, Rostock und Stralsund bekamen ihre Feuer, dazu Greifswald und das ferne Danzig. Oft standen sie auf kleinen Inseln vor der Küste. Kerzenlaternen zuerst, später richtige Türme. Hamburg bekam vor mehr als siebenhundert Jahren eine kleine Insel in der Nordsee, sie heisst Neuwerk, um dort ein Feuer zu errichten. Und einige Jahrhunderte später brannte auch auf der Insel Wangerooge ein ständiges Leuchtfeuer. So wuchsen die Lichter an den Küsten. Eines nach dem anderen. Jahrhundert um Jahrhundert. Bis ein Kranz aus Lichtern um die Meere lag.
Nicht jeder Leuchtturm stand am Meer, und nicht jeder wies den Weg. Vor gut zweihundert Jahren stellte man an der Donau, in einem stillen Winkel von Niederösterreich, zwei besondere Türme auf. Sie sollten keinen Schiffen ein Ziel zeigen. Sie sollten nur ein Stück Ufer beleuchten. Denn dort trieb man Holz auf dem Fluss heran, und man wollte es auch nach Einbruch der Dunkelheit noch auf die Kähne laden können. Also stellte man die beiden Feuertürme in einigem Abstand zueinander auf, sodass ihr Licht das Ufer zwischen ihnen gleichmässig erhellte, ohne grosse Schatten. Zwei warme Lichter über einem Flussufer. Und dazwischen Menschen, die in aller Ruhe ihr Holz verluden. Auch das war ein Leuchtturm. Nur eben einer, der nach innen leuchtete, aufs Land, statt hinaus aufs Meer.
Eine kleine Geschichte mag ich besonders. Sie handelt von einem Mann aus einer Hafenstadt im Norden Frankreichs. Er lebte vor gut zweihundert Jahren, und er hatte eine einfache Idee. Ein Leuchtfeuer müsste blinken können. Regelmässig blinken, in einem festen Takt. Dann könnte jeder Turm seinen eigenen Takt haben. Und die Seeleute könnten die Türme in der Nacht unterscheiden. Ein Uhrmacher aus seiner Stadt baute den Mechanismus. Ein Uhrwerk für ein Licht. Das erste blinkende Leuchtfeuer stand am Ende eines Stegs im Hafen von Dieppe. Es begann im Mai des Jahres siebzehnhundertsiebenundachtzig zu blinken. Ein Uhrwerk drehte sich, und ein Licht ging an und aus. An und aus. Seither blinken die Leuchttürme dieser Welt. Jeder in seinem eigenen Takt. Wie langsame, geduldige Uhren an den Rändern der Meere.
In Schottland gab es eine ganze Familie von Leuchtturmbauern. Der Erste war ein Lampenmacher aus Edinburgh. Nach ihm bauten seine Söhne, seine Enkel und seine Urenkel weiter. Vier Generationen lang. Sie setzten ihre Türme auf einsame Klippen und kleine Felsinseln im kalten Nordmeer. Dorthin, wo sonst niemand bauen wollte. Stein für Stein wurde über das Wasser gebracht und aufeinandergesetzt, oft nur in den ruhigen Stunden, wenn die See es zuliess. Turm um Turm. Licht um Licht. Ein Familienhandwerk über mehr als hundert Jahre. Man kann sich die Werkstatt gut vorstellen. Die Pläne auf dem Tisch. Die Modelle am Fenster. Der Geruch von Holz und Öl. Und draussen, weit im Norden, leuchten die Türme der Väter und Grossväter, einer nach dem anderen, die ganze Küste entlang.
Es gibt Leuchttürme auf allen Kontinenten. Sogar in der Antarktis steht einer. Die meisten stehen am Meer. Aber nicht alle. Manche stehen an grossen Flüssen und begleiten die Schiffe flussaufwärts. Andere stehen an grossen Seen. Am Bodensee zum Beispiel steht einer. Es ist der einzige Leuchtturm im ganzen Land Bayern. Ein Leuchtturm fast schon in Sichtweite der Berge, könnte man sagen. Der höchstgelegene Leuchtturm der Welt steht in Peru, am Titicacasee, hoch oben in den Anden. Der See liegt auf fast viertausend Metern. Die Luft dort ist dünn und klar. Und am Ufer steht ein kleiner Turm und leuchtet über das Wasser. Der höchste Leuchtturm Deutschlands steht auf einer Insel in der Nordsee und misst siebenundsechzig Meter. Und einer der kleinsten stand an der Elbe bei Hamburg. Er war nicht einmal sieben Meter hoch. Ein Türmchen, kaum grösser als ein Gartenhaus. Aber auch er hatte sein Licht. Auch er hatte seine Aufgabe. Gross oder klein, das ist bei Leuchttürmen nicht so wichtig. Hauptsache, das Licht stimmt.
Und wenn du magst, denk einmal an all diese Türme zugleich. In dieser Nacht, während du hier liegst, leuchten sie überall auf der Welt. An kalten Küsten im Norden und an warmen Küsten im Süden. An breiten Flüssen und an stillen Seen. Auf einsamen Felsen weit draussen im Meer. Viele tausend Lichter, jedes in seinem eigenen Takt. Das eine blitzt, während das andere gerade dunkel ist. Keiner von ihnen weiss vom anderen. Und doch tun sie alle dasselbe. Sie drehen sich und leuchten und halten Wache. Ein ganzer Kranz aus ruhigen Lichtern, rund um die dunkle Erde. Und du mittendrin, warm und schwer, in deinem Bett.
Heute haben die Schiffe Satelliten und Bildschirme. Sie wissen jederzeit, wo sie sind. Auf den Meter genau. Man könnte denken, die Leuchttürme werden nicht mehr gebraucht. Aber so ist es nicht. Elektronik kann ausfallen. Ein Bildschirm kann dunkel werden. Ein Signal kann verloren gehen. Der Leuchtturm bleibt. Er ist die Rückversicherung der Seefahrt. Das Licht, das immer noch da ist, wenn alles andere schweigt. Darum werden die Türme weiter gepflegt. Ihre alten Wohnräume aber haben neue Aufgaben bekommen. In manchen Türmen kann man heute Kaffee trinken. In anderen kann man übernachten und mit dem Rauschen des Meeres einschlafen. In manchen kann man sogar heiraten. Und von den Plattformen schauen Besucher übers Meer, dorthin, wo früher der Wärter stand. Leuchttürme sind so beliebt geworden, dass es sie längst auch auf Briefmarken gibt, ganze Serien, ein kleiner Turm nach dem anderen, zum Sammeln und Aufkleben.
Denk einmal daran, wie es ist, nach einer langen Reise nach Hause zu kommen. Ein Schiff ist tagelang unterwegs gewesen, weit draussen, wo nichts ist als Wasser und Himmel. Und dann, in der Nacht, taucht am Horizont ein vertrautes Licht auf. Das Licht des eigenen Hafens. Der Turm, den man kennt, mit dem Takt, den man kennt. Von hier an weiss jeder an Bord, es ist nicht mehr weit. Bald sind wir da. Bald liegt das Schiff still, und man kann schlafen. Ein Leuchtturm ist auch das. Ein Versprechen, dass es einen Weg nach Hause gibt. Und dass am Ende jeder Reise ein ruhiger Hafen wartet.
Ein Autor hat über die Leuchttürme einen schönen Gedanken aufgeschrieben. Leuchttürme sorgen dafür, dass andere sicher an ihr Ziel kommen. Sie halten Wache, wenn niemand sonst Wache hält. Und daran, sagt er, sieht man, wie sehr ein Mensch auf andere Menschen angewiesen ist. Das ist vielleicht das Schönste an ihnen. Ein Leuchtturm will nichts von dir. Er ruft dich nicht. Er drängt dich nicht. Er steht einfach da und leuchtet. Ob du ihn brauchst oder nicht. Er ist da. Die ganze Nacht. Jede Nacht. Und du musst nichts dafür tun, als hin und wieder hinzusehen.
Und jetzt, ganz zum Schluss, gehen wir noch einmal zurück an unsere Küste. Es ist tief in der Nacht. Das Meer atmet ruhig. Die Wellen kommen und gehen. Sie kommen. Und sie gehen. Der Turm steht am Ende der Landzunge. Weiss, mit seinem roten Band. Oben dreht sich das Licht. Es wandert über das Wasser. Ein Blitz. Dann Dunkelheit. Dann wieder ein Blitz. Immer im gleichen Takt. Irgendwo draussen sieht ein Schiff das Licht und weiss, wo es ist. Alles hat seine Ordnung. Alles ist an seinem Platz. Der Turm hält Wache. Du musst nichts mehr tun. Das Licht dreht sich. Und dreht sich weiter. Die Wellen kommen. Und gehen. Das Licht dreht sich. Langsam. Ruhig. Immer weiter. Und du darfst jetzt schlafen. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.
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Dieser Text beruht auf dem Wikipedia-Artikel «Leuchtturm». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.
Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.