Ein Ton im Nebel

Worum es in dieser Einschlafgeschichte geht
Ein Waldrand im Nebel, kurz nach der Dämmerung, und am Rand der Wiese steht ein Tier. Es kaut nicht, es sieht nur, und die Ohren bewegen sich jedes einzeln. Diese Einschlafgeschichte für Erwachsene folgt einem Satz: es steht und prüft, und dann geht es zurück in den Wald.
Ein großes Geweih besteht aus vier bis fünf Kilogramm Knochen, die in etwa fünf Monaten neu wachsen — und im Februar fallen sie einfach ab. Ein Winterhaar ist rund und innen hohl, ein Sommerhaar oval. Für dieses Tier gibt es ein eigenes Wörterbuch, in dem die Augen Lichter heißen und die Nase Windfang. Und ein Leittier zwingt niemanden, trotzdem folgen alle.
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Der ganze Text dieser Einschlafgeschichte
Stell dir einen Waldrand vor … eine Wiese davor, und dahinter dichter Wald. Der Boden ist feucht, und im Gras liegt noch Tau von der letzten Nacht. Es ist früh am Morgen, kurz nach der Dämmerung. Über der Wiese steht Nebel. Und am Rand der Wiese steht ein Tier. Groß. Schlank. Und mit langen Beinen. Der Hals ist lang. Die Brust ist breit. Und der Kopf wird nach vorn schmaler. Die Ohren sind zugespitzt und etwa halb so lang wie der Kopf. Das Fell ist rotbraun. Ein warmes Braun, wie eine Haselnuss. Und auf dem Kopf trägt das Tier etwas, das aussieht wie zwei kahle Zweige. Zwei Stangen, die nach oben und nach hinten gehen, mit Verzweigungen daran. Das Tier steht still. Es kaut nicht. Es sieht nur. Und die Ohren bewegen sich. Jedes einzeln, unabhängig vom anderen. Dann hebt es den Kopf ein wenig und senkt ihn wieder. Das Maul ist dabei leicht geöffnet. Es riecht. Es prüft, was der Wind bringt.
Es steht und prüft. Und dann geht es zurück in den Wald.
Dieses Tier ist ein Rothirsch. Und ich möchte dir heute von ihm erzählen … weil an ihm mehrere Dinge sind, die ich vorher nicht gewusst habe. Das erste ist die Sprache. Denn für dieses Tier gibt es ein eigenes Wörterbuch. Und die Wörter darin sind alt und schön. Die Art insgesamt heißt Rotwild. Und die einzelnen Tiere heißen je nach Alter und Geschlecht verschieden. Das Männchen ist der Hirsch. Das Weibchen ist das Tier. Einfach das Tier. Ohne Zusatz. Ein Weibchen, das schon ein Junges bekommen hat, heißt Alttier. Und wenn es in diesem Jahr eines hat, dann führt es. Es ist ein führendes Alttier. Das Junge heißt Kalb. Und dann kommen die Wörter für die Körperteile. Denn das Fell heißt nicht Fell. Es heißt Decke. Die Augen heißen Lichter. Die Ohren heißen Lauscher. Die Nase heißt Windfang. Der Schwanz heißt Wedel. Und das Maul heißt Äser. Lichter, Lauscher und Windfang. Drei Wörter, die genau sagen, was diese Teile tun. Sehen. Horchen. Und den Wind auffangen.
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Hohle Haare: das Fell wechselt zweimal im Jahr
Beim Fell selbst gibt es etwas, das mich überrascht hat. Denn dieses Tier wechselt es zweimal im Jahr. Vollständig. Alle Haare fallen aus, außer den Tasthaaren am Maul. Und das Fell, das dann kommt, ist ein anderes. Ab Mai oder Juni kommt das Sommerfell. Das ist rotbraun, dieser Haselnusston. Im September oder Oktober kommt das Winterfell. Das ist graugelb bis graubraun. Bei älteren Tieren fängt das schon im August an. Und jetzt der Unterschied, der mir gefällt. Das Winterhaar ist doppelt so lang wie das Sommerhaar. Und es ist anders geformt. Ein Sommerhaar hat einen ovalen Querschnitt. Ein Winterhaar ist rund. Und innen hohl. Hohl. Also mit Luft darin. Und Luft hält Wärme. Jedes einzelne Haar ist damit ein kleines Polster. Dazu kommt unter den langen Haaren ein dichtes Wollhaar. Das Winterfell ist darum struppiger als das Sommerfell. Lauter hohle Haare, die alle zusammen eine Decke bilden.
Wie groß so ein Tier wird, hängt stark davon ab, wo es lebt. Und die Zahlen liegen erstaunlich weit auseinander. Ein Männchen ist von der Nase bis zum Hinterteil etwa ein Meter achtzig bis zwei Meter fünf lang. Ein Weibchen ein Meter fünfundsechzig bis ein Meter achtzig. An der Schulter sind Männchen einen Meter fünf bis einen Meter dreißig hoch. Weibchen fünfundneunzig Zentimeter bis einen Meter fünfzehn. Beim Gewicht wird der Unterschied dann groß. Auf Sardinien und auf Korsika wiegen sie nur bis achtzig Kilogramm. In den Karpaten und in Bulgarien werden Männchen bis dreihundertfünfzig Kilogramm schwer. Und Weibchen bis zweihundert. Dasselbe Tier. Und mehr als viermal so schwer, je nachdem, wo es lebt. Und dahinter steckt eine Regel, die für alle Warmblüter gilt. In kälterem Klima werden sie größer. Denn ein großer Körper hat, gemessen an seinem Gewicht, weniger Außenfläche. Und über die Außenfläche geht die Wärme verloren. Darum nehmen die Tiere von Nordwesteuropa nach Südosteuropa an Größe zu. Also dorthin, wo die Winter kälter sind. Männchen sind übrigens zehn bis fünfzehn Prozent länger und höher als Weibchen. Aber fünfzig bis siebzig Prozent schwerer. Also nicht viel höher. Deutlich massiger.
Das Geweih
Und dann kommt das Geweih. Denn was dort passiert, ist erstaunlich. Es wächst nur bei den Männchen. Und es wächst jedes Jahr neu. Nicht ein Leben lang dasselbe. Jedes Jahr von vorn. Zwischen Februar und April wird das alte abgeworfen. Ältere Tiere werfen früher ab als junge. Und kurz danach fängt das neue schon an zu wachsen. In etwa fünf Monaten ist es fertig. Also in ungefähr hundertvierzig Tagen. Und jetzt die Zahl, bei der ich zweimal hingeschaut habe. Ein großes Geweih besteht aus vier bis fünf Kilogramm Knochen. Vier bis fünf Kilogramm Knochen, in etwa fünf Monaten. Ein Tier, das jedes Frühjahr fünf Kilo Knochen auf dem Kopf neu baut. Wie lang so ein Geweih wird, ist ebenfalls in Zahlen zu fassen. Im Durchschnitt neunzig bis hundertfünf Zentimeter je Stange. Und mit dem Schädel zusammen wiegt es sechs bis sechs Komma fünf Kilogramm. Außergewöhnliche Geweihe werden hundertdreißig bis hundertvierzig Zentimeter lang … und wiegen achtzehn bis einundzwanzig Kilogramm.
Wie das Geweih wächst, hat mehrere Stufen. Und die haben alle eigene Namen. Es fängt mit zwei kleinen Höckern am Stirnbein an. Die entstehen im Winter des ersten Lebensjahres. Und man nennt sie Rosenstöcke. Auf diesen Rosenstöcken wird dann jedes Jahr das neue Geweih aufgebaut. Sie bleiben. Alles darüber wechselt. Im Sommer darauf wachsen daraus zwei einfache Stangen, ohne Verzweigung. Man nennt sie Spieße. Und oft reichen sie nicht über die Ohrenspitzen hinaus. Bei sehr gutem Futter können sie aber bis vierzig Zentimeter lang werden. Im Frühjahr, am Ende des zweiten Lebensjahres, werden diese Spieße abgeworfen. Und dann kommt entweder wieder ein Spieß … oder die erste Verzweigung. Und mit dieser Verzweigung entsteht ein Ende, das einen eigenen Namen hat. Die Augsprosse. Der erste Zweig, der sich von der Stange abzweigt. Und jetzt kommt etwas, das ich beim Nachlesen schön fand. Das Geweih wächst nicht am Ansatz, sondern an den Spitzen. Also oben. An den Enden der Stangen und an den Enden der Zweige. Es wird von vorn verlängert, nicht von hinten geschoben. Länge, Gewicht und die Zahl der Enden nehmen dann Jahr für Jahr zu. Unter guten Bedingungen bis etwa zum zwölften Lebensjahr. Mehr als zwanzig Enden gibt es selten. Und man könnte jetzt denken, man kann das Alter an den Enden ablesen. Aber das geht nicht. Denn es hängt nicht nur am Alter, sondern an mehreren Dingen zusammen. Ein junges Tier mit sehr guter Ernährung kann mehr Enden haben … als ein älteres, das karger gelebt hat. Wie man die Enden zählt, ist dabei sehr genau geregelt. Gezählt werden immer beide Stangen zusammen. Drei Enden an einer Stange machen darum einen Sechser. Vier machen einen Achter. Man rechnet also beide Stangen zusammen. Und wenn eine Stange sechs Enden hat, ist es ein Zwölfender. Haben beide Stangen gleich viele Enden, nennt man ihn gerade. Hat eine weniger, ungerade. Und wenn oben am Ende einer Stange mindestens drei Enden zusammensitzen … nennt man das eine Krone. Und das Tier einen Kronenhirsch.
Während das Geweih wächst, ist es nicht hart. Und das ist der Teil, den ich am liebsten mag. Denn es ist mit Haut überzogen. Mit einer behaarten Haut. Man nennt sie den Bast. Und sie ist von der normalen Körperhaut kaum zu unterscheiden. Nur zwei Dinge fehlen ihr. Sie hat keine Schweißdrüsen. Und sie hat keine Muskeln, die Haare aufrichten können. Diese Haut ist von Blutgefäßen durchzogen. Genau wie das Geweih darunter. Denn ein wachsendes Geweih wird von Blut versorgt. Es ist lebendig. Und je weiter es wächst, desto mehr verknöchert es. Bis die Haut darüber ihre Aufgabe verliert. Sie nährt dann nichts mehr. In Europa ist das Wachstum bei ausgewachsenen Männchen im Juli fertig. Anfang August spätestens. Und dann muss die Haut weg. Das Tier reibt sie ab. An Zweigen. An Sträuchern. An trockenen Pflanzen. Man nennt das Fegen. Und daran hängt ein Detail. Ein frisch gefegtes Geweih ist hell. In den Wochen danach wird es dunkler. Hellbraun bis fast schwarzbraun. Und die Farbe hängt davon ab, an welchen Pflanzen gefegt wurde. Und wie stark deren Säfte färben. Das heißt: Die Farbe eines Geweihs sagt, in welchem Gebüsch das Tier gestanden hat. Ein Kopfschmuck, gefärbt vom eigenen Wald.
Das Abwerfen im Hornung
Und auch das Abwerfen ist genau geregelt, obwohl niemand es regelt. Vorher wird die Schicht zwischen dem Rosenstock und der Stange stark durchblutet. Und dadurch lockert sich die Verbindung. Vorher wird die Schicht zwischen dem Rosenstock und der Stange stark durchblutet. Und dadurch lockert sich die Verbindung. Dann genügt ein Anstoßen an einem Baum. Und die Stange fällt. Bei großen Geweihen genügt sogar das eigene Gewicht. Sie fällt einfach ab. Manchmal durch ein Anstoßen, bei großen Geweihen durch das eigene Gewicht. Und der Monat, in dem das vor allem passiert, hat einen alten Namen. Man nannte den Februar früher den Hornung. Und der Hornung ist der Monat, in dem die Stangen fallen.
Und jetzt zu den Sinnen, denn die sind bei diesem Tier ungleich verteilt. Das Riechen ist das Wichtigste. Innen in der Nase hat es sehr viel von der Haut, mit der man riecht. Und das prägt sein ganzes Verhalten. Denn es geht in der Regel gegen den Wind zum Fressen. So kommt ihm der Geruch von dort entgegen, wohin es geht. Und den Platz zum Ruhen wählt es so, dass der Wind kreiselt. Oder aus der Richtung kommt, aus der etwas kommen könnte.
Bei günstigem Wind riecht der Hirsch einen Menschen auf einige hundert Meter. Und wenn es einen Geruch nicht einordnen kann, macht es genau das … was ich am Anfang beschrieben habe. Es hebt den Kopf und senkt ihn wieder, mit leicht geöffnetem Maul. Und die Nase bewegt sich dabei. Und wenn es eine Störung nicht zuordnen kann, geht es nicht darauf zu. Es geht in einem weiten Kreis darum herum. So lange, bis der Wind von dort kommt. Dann weiß es, was dort steht. Beim Sehen ist es anders. Die Augen stehen seitlich am Kopf. Und die Pupillen sind große Ovale. Mit diesen Augen sieht es fast rundherum, ohne den Kopf zu drehen. Aber es sieht vor allem Bewegung. Etwas, das sich nicht bewegt, erkennt es schlecht. Wer stehen bleibt, wird schlechter gesehen. Wer geht, wird gesehen. Und weil sich die Pupillen stark erweitern können, sieht es in der Dämmerung gut. Beim Hören liegt die Besonderheit in der Beweglichkeit. Die Ohren drehen unabhängig voneinander. Und darum kann es sehr genau sagen, aus welcher Richtung ein Geräusch kommt. Und jetzt kommt etwas, das mich gefreut hat. Es gewöhnt sich an Geräusche, die es kennt. An Motorsägen von Waldarbeitern zum Beispiel. Und an Wanderer, die miteinander reden … solange sie auf den Wegen bleiben. Nicht die Lautstärke stört. Das Unerwartete stört. Und wenn es alle drei Sinne gleichzeitig einsetzt, hat das einen eigenen Namen. Man nennt es Sichern. Der Hals ist dann aufgerichtet. Die Ohren steil gespitzt. Die Augen weit offen. Der ganze Körper gespannt. Und dann geht es in kurzen, schnellen Schritten. Und wenn es dann stehen bleibt, hebt es oft ein Vorderbein an. Denn so kann es sich in jedem Moment sofort herumwerfen. Ein Bein, das schon in der Bewegung ist, bevor die Bewegung anfängt.
Und dann gibt es Drüsen, die Gerüche hinterlassen. Drei Stellen am Körper. Vor den Augen liegt eine. Man nennt sie die Voraugendrüse. Aus ihr kommt ein bräunliches Sekret, das deutlich riecht. Und das Tier streicht es an Bäumen und Sträuchern ab. Man nennt diese Absonderung die Hirschtränen. Außen am Hinterlauf, unter dem Sprunggelenk, liegt eine zweite. Deren Sekret wird am niedrigen Bewuchs abgestreift, einfach beim Gehen. Und hinterlässt damit eine Duftfährte auf dem eigenen Weg. An der Schwanzwurzel liegt eine dritte. Die schwillt in der Paarungszeit stark an. Und das Tier verteilt den Duft, indem es sich das Fell beknabbert. Und das wachsende Geweih hat selbst viele Drüsen. Mit einem gelblich-braunen Sekret. Das bleibt beim Gehen an Zweigen und an Grashalmen hängen. Und diese Fährte hält besonders lange. Ein Tier, das eine Spur legt, während es nur durch das Gras geht.
Wie so ein Tier seinen Tag verbringt, ist der ruhigste Teil dieser Geschichte. Denn außerhalb der Paarungszeit besteht der Tag fast nur aus zwei Dingen. Fressen. Und Wiederkäuen. In ungestörten Gegenden wechseln sich diese beiden gleichmäßig ab. Fressen, ruhen, wiederkäuen. Und dann wieder von vorn. Die erste Zeit zum Fressen liegt in den frühen Morgenstunden. Die letzte etwa um Mitternacht. Und wie viel Zeit das zusammen ausmacht, hat mich überrascht. Sieben bis zehn Stunden am Tag wird gefressen. Und fünf bis sechs Stunden wiedergekäut. Das sind zusammen zwölf bis sechzehn Stunden. Für eine Sache. Und Wiederkäuen heißt: Die Nahrung wird zuerst nur oberflächlich zerkaut. Sie kommt in den Pansen, den ersten Magen. Von dort wird sie wieder hochgewürgt und erneut gekaut. Und das mehrfach, immer wieder. Erst wenn sie klein genug ist, wandert sie weiter. Und weiter hinten findet dann die eigentliche Verdauung statt. Der Pansen ist dabei erstaunlich groß. Bis fünfundzwanzig Liter passen hinein. Fünfundzwanzig Liter. Wie ein großer Eimer. Und genau das ist der Grund, warum dieses Tier Dinge fressen kann … in denen kaum Nährstoffe sind. Rinde zum Beispiel. Oder Gras. Etwas, das lange im Bauch bleiben muss, bevor es etwas hergibt. Gefressen werden am Tag acht bis zwanzig Kilogramm Pflanzen. Und was auf der Liste steht, ist beeindruckend lang. Gras. Kräuter. Eicheln, Bucheckern und Kastanien. Pilze. Rinde. Moos und Flechten. Heidekräuter. Knospen. Junge Zweige. Und Feldfrüchte wie Rüben und Kartoffeln. Die gräbt es mit den Vorderläufen aus. In einigen Gebieten hat man nachgezählt: Über neunzig Prozent … aller dort vorkommenden Pflanzenarten genutzt werden. Neun von zehn Pflanzenarten, die da wachsen, sind Nahrung. Es gibt aber auch eine kleine Liste dessen, was gemieden wird. Einige Sauergräser. Der Rote Fingerhut. Die Schwarze Königskerze. Die Wilde Karde. Und die Acker-Kratzdistel.
Und jetzt möchte ich dir vom Zusammenleben erzählen, denn das ist geordnet. Ein Rothirsch ist von Grund auf ein geselliges Tier. Ein Wildbiologe hat das Zusammensein mit Artgenossen sogar … den wichtigsten Teil im Leben dieses Tieres genannt. Diese Gruppen heißen Rudel. Und sie bleiben, wo sie sind. Nur wenn sie stark beunruhigt werden, verlassen sie ihr Gebiet. Wie groß ein Rudel ist, hängt von der Landschaft ab. Wo es viel offene Fläche gibt, sind sie größer. Im dichten Wald kleiner. In Europa können sie bis zweihundert Tiere umfassen. Bei verwandten Arten in Nordamerika sind es über eintausend Tiere. Und jetzt kommt die Ordnung, die ich vorher nicht kannte. Denn außerhalb der Paarungszeit leben die Geschlechter getrennt. Es gibt Rudel aus Weibchen mit ihren Jungen. Und Rudel aus Männchen. Zwei getrennte Gesellschaften, den größten Teil des Jahres. Ein Weibchenrudel besteht aus mehreren Mutterfamilien. Und jede Familie besteht aus einem Alttier, einem Jährling und einem Kalb. Kurz vor der Geburt sondert sich jedes Muttertier ab. Und vertreibt dabei den Jährling vom Vorjahr. Der schließt sich danach aber meist wieder an. Männliche Jährlinge lösen sich im zweiten Lebensjahr von der Mutter … und wechseln in ein Männchenrudel. Weibliche bleiben länger. Wahrscheinlich bis zum ersten eigenen Kalb. Und sie bleiben oft im Gebiet ihrer mütterlichen Verwandtschaft. Manchmal sogar im selben Rudel. Eine Familie, die über Generationen am selben Ort bleibt.
Und wie so ein Weibchenrudel geführt wird, finde ich das Schönste an dieser Folge. Denn es folgt einem einzigen Tier. Man nennt es das Leittier. Und das ist immer ein weibliches. Ein besonders aufmerksames, misstrauisches Alttier. Eines, das selbst ein Kalb führt. Wenn das Rudel zieht, entscheidet dieses Tier die Richtung. Und jetzt kommt der Begriff, der mir gefällt. Man nennt das eine passive Führerschaft. Denn das Leittier zwingt niemanden. Die meisten folgen einfach. Und noch etwas ist daran fein. Wenn dieses Tier warnt, warnt es nicht das Rudel. Es warnt sein eigenes Kalb. Das Rudel folgt trotzdem. Aber nicht, weil es angesprochen wurde. Sondern weil die Stimmung sich überträgt. Eine Warnung, die eigentlich privat ist und trotzdem für alle gilt. Bei den Männchen ist es anders. Ihre Rudel sind weniger stabil. Und sie haben kein Leittier. Es gibt eine Rangordnung, aber die entsteht anders. Über Drohen und über Imponieren. Jeder weiß, wer über ihm steht. Aber niemand führt. Und diese Ordnung kann sich mehrmals ändern … bis zur nächsten Paarungszeit. Und wenn im Frühjahr das Geweih abfällt, ändert sich der Rang mit. Wer sein Geweih verliert, verliert seinen Platz in der Ordnung. Und dann klärt man die Reihenfolge neu. Ohne Geweih. Die Tiere stellen sich dazu auf die Hinterbeine … und heben die Vorderbeine. In Männchenrudeln sind vor allem junge und mittelalte Tiere. Tiere über zehn Jahre sind manchmal allein. Oder sie haben nur einen einzigen Begleiter. Sie sind dann zu zweit.
Und dann kommt die Zeit im Jahr, in der alles anders ist. Die Brunft. So heißt die Paarungszeit in der alten Sprache. In Mitteleuropa fängt sie Anfang September an und dauert fünf bis sechs Wochen. Im Hochland der Alpen und in Schottland erst ab Oktober. Schon Ende August trennen sich die älteren Männchen von ihren Rudeln … und suchen die Weibchengruppen. Und dass die älteren zuerst gehen, hat einen Grund. Ihr Körper wird früher bereit als der von jungen Tieren. Der Ort, an dem das dann stattfindet, ist meistens eine Lichtung. Also eine offene Stelle im Wald, an der das Weibchenrudel gern frisst. Man nennt sie den Brunftplatz. Am Anfang sind mehrere Männchen im Umfeld. Und nach einigem Drohen bleibt eines dabei. Das stärkste. Das nennt man den Platzhirsch. Und dieses Wort kennt jeder … auch wenn es längst nicht mehr nur um Hirsche geht. Die anderen, die weiter entfernt stehen, sind die Beihirsche. Und dann kommt noch etwas. Denn wenn sich ein Weibchen entfernt, treibt der Platzhirsch es zurück. Aber nicht, indem er es jagt. Er überholt es. Und schreitet dann vor ihm her. In einem wiegenden Schritt, den Kopf hoch erhoben, das Maul nach oben gerichtet. Und dieses Nach-oben-Richten hat einen Namen, der zuerst nicht passt. Man nennt es das Eckzahndrohen. Denn der Rothirsch droht dabei mit Eckzähnen, die er kaum noch hat. Seine oberen Eckzähne sind fast verschwunden. Aber bei anderen Hirscharten sind sie groß. Das heißt: Die Geste ist älter als das Tier, das sie macht. Die Zähne sind verschwunden. Das Drohen mit ihnen ist geblieben. Und den Weibchen gegenüber wird das Geweih übrigens nur gezeigt. Nie benutzt. Und der Platzhirsch führt das Rudel auch nicht. Das tut weiter das Leittier. Er ist nur dabei.
Und dann das Röhren. Der Ruf, an dem man diese Zeit erkennt. Denn er ist weit zu hören. Ein Röhren besteht aus einer Reihe von drei bis acht einzelnen Rufen. Und der erste ist der lauteste und der längste. Er wird am weitesten gedehnt. Danach werden sie kürzer. Und dann gibt es noch etwas. Die Höhe und der Klang sind bei jedem Tier anders. So anders, dass man einzelne Hirsche am Ruf unterscheiden kann. Eine Stimme, so eigen wie ein Gesicht. Ausgelöst wird das Röhren von mehreren Dingen. Von der Paarung. Vom Zurücktreiben eines Weibchens. Vom Anblick eines anderen Männchens. Oder davon … dass man einen Ruf gehört hat. Und wenn zwei Männchen einander begegnen, läuft das nach festen Regeln ab. Zuerst rufen sie einander zu. Erst langsam, dann dichter. Und während sie rufen, gehen sie aufeinander zu. Sobald sie einander sehen, werden die Bewegungen sehr langsam. Dann gehen sie parallel. Seite an Seite, mit fünf bis zehn Metern Abstand. Und zeigen sich dabei die Breitseite. Das ist der Kern der ganzen Sache. Man macht sich groß. Und häufig genügt genau das schon, um den anderen fernzuhalten.
Und wenn es doch weitergeht, gibt es dafür eine Regel, die mich beruhigt. Es ist ein Kräftemessen mit festen Regeln. Von der Seite geht keiner auf den anderen zu. Es geht nur weiter, wenn sich beide gleichzeitig zueinander drehen … und die Geweihe von vorn gegeneinander stellen. Und wenn sich nur einer wegdreht, geschieht nichts. Einer allein kann es nicht anfangen. Es braucht die Zustimmung von beiden. Dann schieben sie mit verhakten Geweihen gegeneinander. Hin und her über den Platz. Der Schwächere gibt nach und geht rückwärts. Und wenn beide gleich stark sind, drehen sie sich im Kreis. Dazwischen gibt es Unterbrechungen. Da lösen sie die Geweihe … imponieren wieder und rufen. Und beendet wird das Ganze immer vom Unterlegenen. In einem Moment, in dem der Druck nachlässt, dreht er sich weg. Einmal ganz herum. Und der Sieger reagiert darauf mit einem Reflex. Er hebt den Kopf hoch und ruft. Man nennt das den Sprengruf. Und weil der Kopf oben ist, geht er dem anderen nicht nach. Der Kopf ist oben, während der andere geht. Ein Sieg, der eine Bewegung nach oben ist statt nach vorn. Ein Wildbiologe hat sich das in Zeitlupe angesehen. Er nennt den Anfang eine stark eingespielte Folge von Bewegungen. Ein Ablauf, in dem sich beide gegenseitig einstimmen.
Was ein Männchen dabei körperlich durchmacht, sagt eine einzige Zahl. Es verliert bis zu fünfundzwanzig Prozent seines Gewichts. Ein Viertel. In fünf bis sechs Wochen. Und der Grund ist einfach: Es frisst viel weniger als sonst. Am schwersten ist es kurz vor der Brunft. Und danach ist ein Viertel weg. Und deshalb frisst es hinterher an den alten Plätzen besonders viel … um wieder aufzuholen.
Beim Nachwuchs ist dann alles auf Ruhe eingerichtet. Und das passt zu dieser Sendung besonders gut. Die Tragzeit dauert etwa zweihundertdreißig Tage. Die Geburten liegen in Europa zwischen Mitte Mai und Anfang Juni. In der Regel kommt ein Kalb. Zwillinge sind sehr selten. Und das Muttertier zieht sich dafür zurück. Ein Kalb wiegt bei der Geburt sechs bis vierzehn Kilogramm. Und je älter das Muttertier ist, desto schwerer ist das Kalb meistens. Nach wenigen Stunden kann es stehen und folgen. Und dann kommt noch ein Detail. Denn nach dem Säugen folgt das Kalb nicht. Es bleibt liegen. Zusammengerollt, ohne eine Bewegung. Und das ist nicht gelernt. Das ist angeboren. Das Kalb hat weiße Flecken auf rötlich-braunem Fell. Und mit diesen Flecken ist es zwischen Licht und Schatten kaum zu sehen. Wer daran vorbeigeht, sieht Licht und Schatten. Kein Tier. Und die zusammengerollte Haltung hat noch einen zweiten Sinn. Sie bedeckt den Bauch und die Hinterseite. Und dadurch ist das Kalb auch aus der Nähe nicht zu riechen. Es ist kaum zu sehen und kaum zu riechen. Beides zusammen. Und die Mutter entfernt sich immer in eine bestimmte Richtung. Nämlich in Windrichtung. Damit sie den Geruch ihres Kalbes behält. Und wenn sie sie verliert, kommt sie sofort zurück. Oder wenn das Kalb klagend ruft.
Wie Mutter und Kalb einander erkennen, läuft über zwei Sinne. Der eine ist der Geruch. Und dafür ist die Voraugendrüse wichtig. Schon in den ersten Tagen erkennt die Mutter ihr Kalb am Duft. Und wenn das Kalb bettelt, öffnet es die Drüsen vor den Augen. Und wenn es satt wird, schließen sie sich wieder. Ein Hunger, den man riechen kann. Der zweite Sinn ist das Hören. Die Mutter erkennt ihr Kalb an der Stimme. Und die Laute eines Kalbes sind nach ihrer Bedeutung unterschieden. Beim Säugen gibt es kurze, nasale Laute, rhythmisch ausgestoßen. Man nennt sie Behaglichkeitslaute. Ein Wort, das ich sofort mochte. Die Bettellaute sind ebenfalls nasal und fallen am Ende leicht ab. Und wenn es sich verlassen fühlt, sind die Rufe zuerst hoch … und fallen dann stark ab. Und wenn die Mutter das Kalb ruft, hat auch das einen Namen. Man nennt es Mahnen. Sobald das Kalb einige Tage alt ist und gut folgen kann … schließt sich die Mutter wieder dem Rudel an. Ab der sechsten Woche verschwindet die weiße Fleckung. Nicht weil sie verblasst, sondern weil braunes Sommerhaar darüber wächst. Gesäugt wird mindestens ein halbes Jahr. Und wenn die Mutter im Herbst nicht wieder trächtig wird … säugt sie bis weit in den nächsten Sommer. Ausgewachsen ist ein Männchen im siebten oder achten Lebensjahr. Ein Weibchen im fünften. Und ein Rothirsch wird in der freien Natur nur in Ausnahmefällen achtzehn Jahre alt.
Weiße Hirsche und eine lange Wanderung
Zwei Dinge möchte ich dir noch erzählen, weil sie mich gefreut haben. Das erste sind die weißen Tiere. Denn es gibt Rothirsche, bei denen die Fleckung auch später noch schwach zu sehen ist. Oder die einen weißen Fleck am Kopf haben. Oder weiße Stellen unten an den Beinen. Und selten gibt es ganz weiße. Man nennt sie Blesswild. In einem Wald in Nordhessen hat man das gezählt. Dort schätzt man fünfzig weiße Tiere auf eintausend. Und in zwei anderen Gebieten tragen sechzehn und sechsundzwanzig Prozent der Tiere … die Anlage dafür in sich, ohne selbst weiß zu sein. Weiß wird ein Junges nämlich nur, wenn beide Eltern diese Anlage haben. Und darum passiert es dort etwa zweimal im Jahr. Zwei weiße Kälber, in einem ganzen Wald, in einem ganzen Jahr. Das zweite ist eine Zahl, die von einer Wanderung erzählt. Denn diese Tiere zogen ursprünglich zwischen Winter- und Sommergebieten hin und her. Und von einem einzelnen Männchen ist eine Wanderung belegt … über hundertzwanzig Kilometer. Zum Brunftplatz. Hundertzwanzig Kilometer, weil dort im September etwas stattfindet. Und wie das Tier sich dabei bewegt, ist ebenfalls sparsam. Denn auf der Flucht galoppiert es nur kurz. Die normale Form ist ein weit ausgreifender Trab. Und der schont die Kräfte. Ein Tier, das nicht flieht, sondern zieht. Gleichmäßig, ohne Hast. Und der helle Fleck an seiner Rückseite hat dabei eine Aufgabe. Man nennt ihn den Spiegel. Er ist grauweiß bis gelblich-weiß und schwärzlich umrahmt. Und dadurch deutlich abgesetzt vom übrigen Fell. Beim Laufen ist er wie ein heller Punkt, dem die anderen folgen können. Und so bleibt das Rudel zusammen, auch wenn es schnell geht. Angeführt vom Leittier, das vorn läuft.
Und noch ein letzter Blick zurück, weil dieses Tier eine sehr alte Rolle hat. In der Altsteinzeit war es für Menschen wichtig. An einem Fundplatz in Thüringen machen Hirsche etwa dreizehn Prozent … aller Funde großer Säugetiere aus. Und der größte Teil davon ist Rothirsch. Und in der Kunst ist er noch häufiger. Rund vierzehn Prozent aller Tierdarstellungen in den großen Höhlenbildern … Südwesteuropas zeigen einen Rothirsch. Vierzehn von hundert Tierbildern. Und immer dieselbe Tierart. Und in einer Höhle in Frankreich gibt es eine Darstellung, die einzigartig ist. Ein Mischwesen, zusammengesetzt aus vielen Tieren. Mit Menschenbeinen. Einem Pferdeschwanz. Bärenpranken. Den Augen eines Greifvogels. Und einem Hirschgeweih. Aus der Mittelsteinzeit kennt man außerdem Masken aus Hirschgeweihen. Möglicherweise haben Schamanen sie getragen. Gefunden in Mecklenburg-Vorpommern. Und in England. Und ein Wort davon ist so weit in die Alltagssprache gewandert … dass viele es benutzen, ohne an einen Hirsch zu denken. Der Platzhirsch.
Es ist heller geworden über der Wiese. Der Nebel steht noch, aber dünner. Und am Waldrand ist das Tier wieder da. Es steht mit dem Hals aufgerichtet und den Ohren steil nach vorn. Die Augen weit offen. Der Körper gespannt. Und ein Vorderlauf ist angewinkelt in der Luft, halb in einer Bewegung … die noch nicht angefangen hat. Es sichert. Es benutzt alle drei Sinne gleichzeitig. Und der Wind kommt von der Wiese her, also von dort, wo es hinschaut. Auf dem Kopf trägt es fünf Kilogramm Knochen, die vor fünf Monaten noch nicht da waren. Gefärbt von den Zweigen, an denen es die Haut darüber abgerieben hat. Und sein Sommerfell liegt glatt an, jedes Haar kurz und dünn.
Es steht und prüft. Und dann geht es zurück in den Wald. Nicht im Galopp. In einem weiten, ruhigen Trab. Und hinter ihm sieht man noch den hellen Fleck, den Spiegel … bis auch der zwischen den Stämmen verschwindet. Und du darfst jetzt schlafen. Das Tier liegt jetzt irgendwo im Dickicht und wiederkäut. Fünf bis sechs Stunden am Tag tut es das. Immer dasselbe. Etwas hochwürgen. Kauen. Herunterschlucken. Und wieder. Es hat keine Eile damit. Es hat den ganzen Tag dafür. Und im Februar, den man früher den Hornung nannte … werden die Stangen abfallen. Und dann fängt es wieder von vorn an. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.
Quelle und Lizenz
Dieser Text beruht auf dem Wikipedia-Artikel «Rothirsch». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.
Verwendete Fassungen: «Rothirsch» Version 267415110, abgerufen am 22. August 2026.
Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Verantwortlich für Themenauswahl und Stichproben ist Michael Feer. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.