Gute Nacht mit Fridolin – zur Startseite

Folge 58 · 19. September 2026 · 40 Minuten

Blau geschrieben, schwarz geworden

Fridolin sitzt auf Wolken und hält ein kleines Tintenglas und einen Federhalter in den Händen.

Worum es in dieser Einschlafgeschichte geht

Ein Schreibtisch am Fenster, eine Lampe links, ein Bogen Papier und ein Glas mit einer fast schwarzen Flüssigkeit. Diese Einschlafgeschichte für Erwachsene folgt der Tinte vom Gallapfel am Eichenblatt bis zur Feder aus Gold, die nicht schreibt, sondern nur führt.

Man schreibt blau, und am nächsten Tag ist es schwarz — die Eisengallustinte bekommt ihre endgültige Farbe erst an der Luft. Der zugesetzte Farbstoff ist nur dafür da, dass man der eigenen Hand folgen kann. Ein Gallapfel ist eine Kammer, die ein Baum für eine Wespenlarve baut. Und die Spitze eines Federhalters ist nicht aus Gold, sondern aus einem der härtesten Metalle überhaupt.

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Der ganze Text dieser Einschlafgeschichte

4.153 Wörter · rund 21 Minuten zum Lesen, Mitlesen oder Vorlesen

Stell dir einen Schreibtisch vor … an einem Fenster, in einem Zimmer mit Bücherregalen. Die Platte ist aus Holz, dunkel und an den Rändern abgegriffen. Es ist Abend. Eine Lampe steht links und leuchtet auf das Papier. Auf dem Tisch liegt ein Bogen Papier, unbeschrieben. Daneben steht ein kleines Glas mit einem Schraubdeckel. In dem Glas ist eine Flüssigkeit. Sie sieht fast schwarz aus. Aber wenn du sie gegen die Lampe hältst, ist sie es nicht. Sie ist dunkelblau. Und daneben liegt eine Schreibfeder mit einem Holzgriff. Metallspitze, geteilt in der Mitte. Jetzt schreibt jemand ein Wort auf das Papier. Und das Wort ist blau. Ein dunkles Blau, fast schwarz, aber eben nicht schwarz. Und morgen früh, ohne dass jemand etwas getan hat, ist es tiefschwarz.

Man schreibt blau. Und am nächsten Tag ist es schwarz. Denn diese Tinte ist noch nicht fertig, wenn sie aus der Feder kommt. Sie macht sich selbst. Auf dem Papier. Über Nacht. Ich erzähle dir, wie das geht. Aber der Weg dorthin ist lang … und er führt über ein paar andere Tinten. Zuerst müssen wir klären, was Tinte überhaupt ist. Tinte ist eine Flüssigkeit, die gefärbt ist und die färbt. Beides muss man sagen, denn beides ist gemeint. Und sie besteht meistens aus denselben vier Dingen. Das erste ist die Farbe selbst. Das nennt man das Farbmittel. Das zweite ist eine Flüssigkeit, die die Farbe transportiert. Meistens Wasser. Das nennt man das Lösungsmittel. Und es verdunstet wieder. Das dritte hält die Farbe am Papier fest. Das ist das Bindemittel. Bei Tinte ist davon wenig darin. Manchmal gar keines. Und das vierte sind Zusätze. Damit sich nichts absetzt. Und manchmal, damit es gut riecht. Farbe, Träger, Kleber, Zusätze. Das ist alles.

Und jetzt kommt eine Unterscheidung, die alles Weitere erklärt. Denn es gibt zwei Arten, wie die Farbe in der Flüssigkeit steckt. Bei der ersten ist der Farbstoff gelöst. Wie Zucker in Tee. Er ist da, aber man sieht keine Teilchen. Er ist ein Teil der Flüssigkeit geworden. Bei der zweiten schwimmen feine Teilchen darin. Die lösen sich nicht. Man nennt sie Pigmente. Sie sind nur verteilt. Und daraus folgt fast alles, was diese beiden Tinten unterscheidet. Ein gelöster Farbstoff kann sich nicht absetzen. Er ist ja gelöst. Also verstopft er auch keine dünne Feder und keine feine Düse. Dafür verblasst er oft, wenn Licht darauf fällt. Und mit Wasser geht er wieder weg. Ein Pigment dagegen ist kräftig, lichtecht und wasserfest. Und darum nimmt man es, wenn eine Schrift bleiben soll. Aber es sinkt zu Boden, wenn seine Dichte anders ist als die der Flüssigkeit um es herum. Und je größer ein Teilchen ist, desto schneller sinkt es. Darum muss man Pigmenttinte besonders stabilisieren. Damit sie nicht im Glas eine Schicht bildet, während sie steht. Wie groß so ein Teilchen ist, richtet sich dabei nach dem Zweck. Bei einer Tinte für eine weiße Tafel nimmt man absichtlich grobe Teilchen. Denn beim Abwischen sollen keine Teilchen zurückbleiben. Und auch beim Trocknen unterscheiden sich Tinten deutlich. Eine Tinte auf Wasserbasis trocknet langsam. Dafür schlägt sie nicht durch das Papier. Eine Tinte mit einem anderen Lösungsmittel verdunstet schnell … aber auf Papier läuft sie und drückt sich auf die Rückseite durch. Darum nimmt man sie für Glas und für Folie. Nicht für ein Blatt. Und es gibt eine Tinte, an die die höchsten Anforderungen gestellt werden. Die für Drucker. Denn die muss zwei Dinge gleichzeitig können, die sich widersprechen. Im Druckkopf darf sie nicht eintrocknen. Auf dem Papier soll sie sofort einziehen. Und sie besteht zu fünfzig bis neunzig Prozent aus Wasser. Aus sehr reinem Wasser. Das ist bei dieser Tinte besonders wichtig. Denn was gedruckt wird, wird in winzigen Tröpfchen geschossen. Und dafür muss die Flüssigkeit ganz genau die richtige Zähigkeit haben. Wie schnell so eine Tinte trocknet, wissen übrigens nur die Hersteller. Das steht in keiner Tabelle.

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Und weil das so ist, kann man die beiden im Glas voneinander unterscheiden. Und zwar an einer Kleinigkeit, die ich sehr mag. Eine helle Farbstofftinte ist im Glas durchsichtig. Gelb, rot, orange. Man kann hindurchsehen. Eine pigmentierte Tinte in derselben Farbe ist es nicht. Sie ist trüb, weil Teilchen darin schweben. Bei dunklen Tönen ist es andersherum interessant. Eine blaue oder violette Farbstofftinte sieht im Glas fast schwarz aus. Eine pigmentierte hat im Glas genau die Farbe, die sie später auf dem Papier hat. Und daher kommt etwas, das viele schon erlebt haben. Die Tinte im Glas hat manchmal eine andere Farbe als die trockene Schrift. Denn die Farbe eines gelösten Farbstoffs hängt davon ab, worin er gelöst ist. Verdunstet die Flüssigkeit, sieht er anders aus.

Beim Wort selbst wird es dann fast rührend einfach. Tinte kommt aus dem Lateinischen. Von tincta aqua. Und das bedeutet: gefärbtes Wasser. Nicht mehr. Gefärbtes Wasser. Früher hat man im Deutschen übrigens auch Dinte geschrieben. Mit D. Und aus demselben Wortstamm kommen zwei andere Wörter, die man kennt. Die Tinktur. Und das Tingieren, also das Färben. Ein zweites Wort ist die Tusche. Und das kommt aus dem Französischen. Von toucher, was berühren heißt. Im siebzehnten Jahrhundert kam es ins Deutsche, als tuschen. Und das bedeutete: schwarze Farbe auftragen. Tusche ist eine besondere Form von Tinte. Sie ist pigmentiert … sie hat oft ein Bindemittel … und ihr Schriftzug ist meistens wasserfest. Und sie tut etwas, das Aquarellfarbe nicht tut. Sie zieht in das Papier ein. Sie liegt nicht darauf. Sie ist darin. Darum muss man eine Tuschezeichnung auch nicht fixieren. Eine Kohlezeichnung schon. Da liegt der Staub nur obenauf. Und wenn eine Tusche wasserfest ist … kann man sie nicht auswaschen. Man kann sie nur mit einer Klinge abtragen. Das Wort Tusche ist übrigens nicht geschützt. Jeder darf es benutzen. Es gibt nur für eine Sorte eine Norm. Für die Zeichentusche. Und das Gefäß, in dem man sie aufbewahrt, hat einen eigenen Namen. Einen Gisalnapf. In Europa kennt man Tusche vor allem aus mittelalterlichen Schreibstuben. Man nennt sie Skriptorien. Dort wurden Bücher von Hand geschrieben und verziert, Seite für Seite. Und die ersten Tuschezeichnungen überhaupt entstanden wahrscheinlich in China oder in Japan. Dort malt man mit Tusche auf Papier. Oder auf Seide.

Beim Nachlesen hat mich überrascht, wie alt Tinte ist. Denn sie ist etwa so alt wie die Schrift selbst. In Ägypten gab es Tinte um dreitausend vor unserer Zeit. In China um zweitausendsechshundert vor unserer Zeit. Und lange war es überall dieselbe Sorte. Rußtinte. Also Ruß, gemischt mit einem Klebstoff aus Pflanzensaft. Es gibt aber noch eine sehr alte Farbe, und die kommt aus dem Meer. Ein braunschwarzer Farbstoff, benannt nach dem Tintenfisch. Sepia. Cicero hat als erster ein Rezept dafür überliefert. Belegt ist die Verwendung dieser Farbe aber erst viel später. Ab siebzehnhundertachtzig. Ein Rezept, von dem lange niemand aufgeschrieben hat, dass es benutzt wurde. Ruß hat man immer. Man muss nur etwas verbrennen und den schwarzen Belag abkratzen, der sich darüber ansetzt. Um eintausend vor unserer Zeit kam im Fernen Osten etwas Neues dazu. Und das ist eine Idee, die ich schön finde. Man nahm Ruß von verbranntem Nadelholz und von Lampenöl … mischte ihn mit einem Leim … presste die Masse in Stangen … und trocknete sie. Also feste Tinte. Zum Aufbewahren. Ein Riegel statt einer Flüssigkeit. Und zum Schreiben nahm man einen Stein mit einer Mulde, gab Wasser hinein … und rieb die Stange darin, bis die Farbe so dunkel war, wie man sie wollte. Man macht sich also die Tinte jedes Mal neu. In der Menge, die man braucht. Und in der Stärke, die man braucht. In der Kalligrafie macht man das bis heute so. Reibstein und Stangentusche.

Und jetzt zurück zu der Tinte aus dem Anfang. Der, die erst blass ist. Sie heißt Eisengallustinte. Und um zu verstehen, warum sie so ist, muss man ihre Zutaten kennen. Es sind vier. Wasser. Ein Klebstoff aus Baumsaft. Eisen, in Wasser gelöst. Und etwas, das an Eichenblättern wächst. Aus diesen vier Dingen wird ein Gemisch, das erst einmal fast farblos ist. Denn im Glas sind das Eisen und der Pflanzenstoff getrennt gelöst. Beide sind da. Aber sie haben noch nicht miteinander reagiert. Und das passiert erst auf dem Papier. Wenn Luft dazukommt. Der Sauerstoff aus der Luft verändert das Eisen. Und das veränderte Eisen verbindet sich … mit dem Stoff von den Eichenblättern zu einer tiefschwarzen Verbindung. Das dauert etwa einen Tag. Man schreibt also nicht mit Tinte. Man schreibt mit den Zutaten dafür. Und die Tinte entsteht danach, von selbst, im Papier. Und daraus folgt etwas, das ich sehr mag. Ohne Zusatz wäre dieses Gemisch nämlich fast farblos. Man würde schreiben und nichts sehen. Und am nächsten Tag stünde es da. Das ist unpraktisch. Darum gibt man einen Farbstoff dazu, der von Anfang an dunkel ist. Einen löslichen, der später verblasst. Und der macht das Blau, das man beim Schreiben sieht. Er ist nur dafür da, dass man seiner eigenen Hand folgen kann. Bei Tinten für Verträge nutzte man das aus. Man schrieb schwarzblau. Und nach dem Trocknen wurde die Schrift mehr oder weniger schwarz. Ein Vertrag, der über Nacht dunkler wird.

Und daraus folgt das Entscheidende an dieser Tinte. Man kann sie nicht auswischen. Denn die Farbe liegt nicht auf dem Papier. Sie ist darin entstanden. Als eine Verbindung, die sich nicht mehr löst. Darum war sie über Jahrhunderte die Tinte für alles, was gelten sollte. Für Urkunden. Für Verträge. Für Archive. Der früheste Nachweis stammt aus dem vierten Jahrhundert unserer Zeit. Und vom Mittelalter bis ins zwanzigste Jahrhundert war sie im europäischen Raum … die wichtigste Tinte überhaupt. Newton hat damit seine Theorien geschrieben. Darwin seine Briefe. Von Leonardo, Rembrandt und van Gogh gibt es Zeichnungen damit. Und von Bach Partituren. Noten, die beim Schreiben blau waren und danach schwarz wurden.

Wie genau man es mit dieser Tinte nahm, sieht man an einer Vorschrift von neunzehnhundertzwölf. Da wurde amtlich festgelegt, was eine Urkundentinte können muss. Auf einen Liter mindestens siebenundzwanzig Gramm von diesem Stoff. Und mindestens vier Gramm Eisen. Aber höchstens sechs Gramm. Nach vierzehn Tagen im Glas durfte sich kein Bodensatz gebildet haben … und kein Beschlag an der Wand des Glases. Ein acht Tage alter Schriftzug musste tiefdunkel bleiben … auch wenn man ihn mit Wasser und mit Alkohol wusch. Die Tinte musste leicht aus der Feder fließen. Und sie durfte unmittelbar nach dem Trocknen nicht klebrig sein. Ein halbes Dutzend Bedingungen für eine Flüssigkeit. Damit ein Papier gilt. Und aus dieser Tinte folgt noch ein Ratschlag, den ich hübsch finde. Man soll frische Schrift nicht trocken tupfen. Denn wenn man ein saugendes Papier darauf drückt, nimmt man Tinte weg. Und dann dringt weniger davon ins Papier ein. Also: nicht helfen. Warten.

Und jetzt zu der Zutat, die an den Eichenblättern wächst. Denn die ist erstaunlich. Sie heißt Gallapfel. Aber ein Apfel ist sie nicht. Es ist eine Kugel an der Unterseite eines Eichenblatts. Man findet sie im Herbst. Und weil sie rund ist wie ein kleiner Apfel, heißt sie so. Sie entsteht aus einer Zusammenarbeit, die keine ist. Denn eine kleine Wespe legt ein Ei in eine Blattader. Und der Baum reagiert darauf. Er bildet um die Stelle herum eine Wucherung. Rund und glatt. Innen wächst aus dem Ei eine Larve. Und im Herbst schlüpft daraus ein Insekt und verlässt die Kugel. Was danach übrig bleibt, ist die Kugel. Und in der steckt bis zu sechzig Prozent … eines Stoffs, den man Gerbsäure nennt. Sechzig Prozent. Mehr als die Hälfte. Und man holt ihn heraus, indem man die Kugeln grob mahlt und auskocht. Wie einen Tee. Es gibt übrigens auch Gallen, die nicht kugelrund sind. Die heißen Knoppern. In denen sind nur fünfundzwanzig bis achtundzwanzig Prozent Gerbsäure. Auch die hat man gesammelt und gehandelt. Und in Kaiserslautern gibt es einen Stadtteil, der Galappmühle heißt … nach einer Mühle, die auf Galläpfel eingerichtet war. Eine Mühle nur für Wespenkugeln. Die Wespe hat übrigens einen Lebenslauf, der zwei Runden hat. Im Herbst schlüpft aus der Kugel ein Insekt, und das ist immer weiblich. Es legt in mehrere Eichenknospen jeweils ein Ei. Und diese Eier überwintern dort. Ab dem Frühling bilden sich daraus andere Gallen. An den Knospen. Und im Juni schlüpfen daraus dann Männchen und Weibchen. Zwei Generationen im Jahr, mit zwei verschiedenen Gallen am selben Baum.

Im Mittelalter gab es dann noch andere Rezepte, und eines mag ich besonders. Denn es löst ein praktisches Problem. Eisengallustinte trocknet nämlich in der Feder schnell ein. Und wenn man mit einem Federkiel schreibt … verstopft sie ihm die Spitze. Also machte man eine Tinte aus gekochter Rinde vom Schlehdorn. Die trocknete langsamer. Und blieb dem Kiel gnädiger. Man nennt sie Dornrindentinte. Und sie kam auf, als sich die Federkiele verbreiteten. Für Archive blieb es aber bei der Eisengallustinte. Die eine für die Ewigkeit. Die andere für den Alltag. Vom fünfzehnten bis ins achtzehnte Jahrhundert war außerdem eine bestimmte Tinte typisch. Man nennt sie Bister. Und seit sechzehnhundertsechzig gibt es Tinten, die riechen. Mit ätherischen Ölen und Blütenauszügen darin. Es gibt Gräserdüfte. Schokolade. Obst. Holz. Und die zwei bekanntesten kommen aus Liebesbriefen. Lavendel und Rosen. Ein Brief, den man riechen kann, bevor man ihn liest. Im neunzehnten Jahrhundert kam dann die Chemie, und mit ihr sehr viele Farben. Aber die neuen Farbstoffe hatten einen Nachteil. Sie verblassten im Licht. Und man konnte sie auswaschen. Also brauchte man Regeln dafür, was auf Papier dauerhaft sein soll. Achtzehnhundertsechsundfünfzig wurde ein Rezept veröffentlicht, das beides verband. Eine Tinte, deren Bestandteile erst nach dem Trocknen unlöslich wurden … und die trotzdem beim Schreiben schon sichtbar war. Und ab achtzehnhundertachtundsechzig war ein Apotheker in Chemnitz … einer der führenden Tintenhersteller Europas. Mit Ausfuhr in die ganze Welt. Tinte aus Chemnitz, überall.

Feuchte Schrift, Löschpapier und unsichtbare Tinte

Und wie man früher mit noch feuchter Schrift umging, gefällt mir. Denn wenn Tinte langsam trocknet, kann man nicht einfach umblättern. Also streute man Sand darauf. Feinen Sand, aus einem kleinen Streuer. Der saugte die überschüssige Tinte auf. Dann schüttete man ihn wieder ab. Später kam an seine Stelle das Löschpapier. Ein Papier, das nur eine Aufgabe hat. Aufsaugen. Und es gibt einen Weg, geschriebene Tinte unsichtbar zu machen. Dabei wird der Farbstoff selbst zerstört. Er ist noch da … aber man sieht ihn nicht mehr. Bei einer Eisengallustinte geht das übrigens nicht. Die bleibt. Und einen Rat gibt es noch, der praktisch ist. Man soll Tinten verschiedener Farbe nicht mischen. Denn die Zusätze der einen können die Zusätze der anderen aufheben. Dann bilden sich Flocken. Und im Glas liegt ein Bodensatz. Wer die Farbe wechselt, spült den Halter vorher mit Wasser durch. Und es gibt eine Tintenart, die schon vor etwa zweitausend Jahren bekannt war. Eine, die man zuerst nicht sieht. Man schreibt zum Beispiel mit Milch. Auf dem Papier ist danach nichts zu erkennen. Und wenn man das Blatt später erwärmt, kommt die Schrift heraus. Sie färbt sich dunkler als das Papier um sie herum. Ein Satz, der wartet, bis ihn jemand warm macht. Und eine Tintenart, die in den neunziger Jahren wichtig wurde, hat eine Eigenschaft, die mich freut. Man nennt sie Geltinte. Im Ruhezustand ist sie dickflüssig. Fast wie ein Gelee. Aber sobald man sie schert, also seitlich verschiebt, wird sie dünn. Und genau das tut eine kleine Kugel, wie sie in der Spitze mancher Stifte sitzt, wenn sie rollt. Sie verflüssigt die Tinte in dem Moment, in dem sie gebraucht wird. Und danach wird sie wieder dick. Eine Tinte, die nur fließt, während man schreibt. Und es gibt Tinten, die leuchten. Die funktionieren so: Der Farbstoff nimmt Licht auf, das man nicht sieht … und gibt es sichtbar wieder ab. Darum sieht so eine Fläche heller aus als alles um sie herum. Sie gibt mehr sichtbares Licht ab, als sichtbares Licht auf sie fällt.

Und jetzt möchte ich dir vom Federhalter erzählen, der die Tinte bei sich hat. Denn das ist ein kleines Wunder aus Kanälen. Ein Füllfederhalter ist ein Stift, in dem ein Vorrat Tinte steckt. Und die Tinte muss von dort zur Spitze kommen, ohne dass jemand sie drückt. Das macht eine Kraft, die überall in der Natur wirkt. Flüssigkeit kriecht von selbst in enge Spalten hinein. Man nennt das Kapillarwirkung. Und man kennt es von einem Tuch … das man in eine Pfütze legt und das sich von allein vollsaugt. Genau das passiert im Federhalter. Ein enger Kanal führt vom Vorrat zur Spitze. Und die Tinte wandert diesen Kanal hinunter, weil er eng ist. An der Spitze wartet sie dann. Und das Papier saugt sie ab, wenn man aufsetzt. Man drückt die Tinte also nicht heraus. Das Papier zieht sie heraus. Der Kanal heißt Tintenleiter. Und daran sitzt noch etwas. Eine Reihe feiner Lamellen, ganz dicht übereinander. Man nennt sie den Kollektor. Wie viel Tinte kommt, hängt nämlich davon ab, wie stark man aufdrückt. Und dann kommt das Detail, an das man nie denkt. Wenn Tinte hinausgeht, muss etwas nachkommen. Sonst entsteht im Behälter ein Unterdruck. Und dann hört der Fluss auf. Also muss Luft hinein, in dem Maß, in dem Tinte hinausgeht. Darum hat der Federhalter innen einen Raum für den Druckausgleich. Ein Stift, der atmet, während man schreibt. Außen ist er einfach. Ein Schaft, der den Vorrat und die Feder trägt. Und eine Kappe darüber. Die Kappe hat drei Aufgaben. Sie schützt die Feder vor Stößen. Sie hält sie feucht, damit sie nicht eintrocknet. Und sie schützt die Kleidung. Dazu kommt ein Clip. Damit der Stift nicht vom Tisch rollt.

Wie die Tinte in den Halter kommt, ist über die Zeit dreimal neu erfunden worden. Und jeder Weg löst ein Problem des vorherigen. Der erste ist ein Sack aus Kautschuk im Inneren, mit einem Hebel außen. Man drückt den Hebel, der Sack wird gequetscht, man lässt los … und beim Ausdehnen saugt er Tinte an. Einfach zu bedienen. Aber wenn man den Hebel versehentlich betätigt … ist der ganze Vorrat draußen. Der zweite ist ein Kolben in einem Zylinder, den man mit einem Drehknopf bewegt. Hinten am Stift drehen, der Kolben fährt zurück, Tinte kommt nach. Da kann nichts versehentlich passieren. Aber beim Füllen wackelt es und kleckert. Und bei einem Hersteller ist ein Stück des Zylinders durchsichtig. Damit man sehen kann, wie viel noch da ist. Ein Fenster in den Vorrat. Der dritte Weg kam neunzehnhundertsechzig. Die Patrone. Ein kleiner Behälter aus Kunststoff, geschlossen, zum Wegwerfen. Und der Trick daran ist eine Kleinigkeit. Beim Einsetzen wird die Patrone von einem Röhrchen aufgestochen. Man macht sie also nicht auf. Der Stift macht sie auf, innen, wo man nicht hinsieht. Und damit ist das Kleckern praktisch abgeschafft.

Bei der Feder selbst geht es um zwei Dinge. Um das Material und um die Form. Das Material ist rostfreier Stahl oder Gold. Neuerdings auch Titan. Aber die eigentliche Spitze ist aus etwas anderem. Aus einem besonders harten Metall. Denn eine reine Stahlspitze schleift sich am Papier schnell ab. Papier ist nämlich rau. Es wirkt wie ein sehr feines Schleifpapier. Und darum sitzt vorn ein winziges Stück eines besonders harten Metalls. Umgangssprachlich sagt man dazu Iridium, auch wenn längst nicht überall Iridium drin ist. Und dann der Schnitt. Die Feder hat einen dünnen Schlitz, von der Mitte bis zur Spitze. Genau darin läuft die Tinte. Vorn verengt sich die Spitze zu einem Punkt. Und darum wird die Linie dünn und gleichmäßig. Breite Federn für Kalligrafie haben mehr als einen Schlitz. Damit mehr Tinte gleichzeitig nachkommt. Und es gibt Federn nur für Noten. Die laufen spitz zu und haben zwei Schlitze … damit der Unterschied zwischen dünnem und dickem Strich groß wird. Die Größen heißen F für fein, M für mittel, B für breit. Seltener noch feiner und noch breiter. Und es gibt schräg geschliffene Federn, für links und für rechts. Interessant ist noch, was sich über die Zeit geändert hat. Federn aus den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts waren biegsam. Ab den vierziger Jahren wurden sie steifer. Und das hatte einen Grund. Man musste mit Druck schreiben, damit die Schrift durch das Kopierpapier hindurch ankam. Eine weiche Feder gibt nach. Eine steife überträgt den Druck. Eine Zeit lang gab es sogar Federn aus Glas.

Auf die Idee, die Tinte mitzunehmen, kam jemand erstaunlich früh. Der erste Versuch, den man kennt, ist von sechzehnhundertsechsunddreißig. Ein Mann in Altdorf bei Nürnberg baute eine Feder aus drei Gänsekielen … die er ineinanderschob. In der Kalligrafie macht man das bis heute. Zwei Reisende aus Holland sahen sechzehnhundertsechsundfünfzig in Paris so ein Gerät. Und beschrieben wurde es in einem Reisebericht von sechzehnhundertsiebenundfünfzig. Das ist die älteste Aufzeichnung darüber. Um siebzehnhundertsechsundachtzig baute ein Mechaniker in Leipzig etwas … das er eine Reiseschreibfeder mit beständig Dinten nannte. Ein Name, der schon alles erklärt. Aber richtig funktionierte es lange nicht. Und dafür brauchte es drei Erfindungen. Eine Goldfeder mit harter Spitze. Ein festes Gehäusematerial. Und eine Tinte, die gleichmäßig fließt. Eine davon kam achtzehnhundertvierunddreißig. Da stellte jemand Goldfedern mit einer Iridiumspitze her. Und das war die erste praktische Anwendung des Iridiums überhaupt. Eines gerade erst entdeckten Metalls. Weil es so hart ist. Achtzehnhundertneunundvierzig ließ ein schottischer Ingenieur einen Füllhalter patentieren. Und achtzehnhunderteinundfünfzig zeigte er ihn auf der ersten Weltausstellung.

Das Datum, an dem es endgültig losging, ist der zwölfte Februar achtzehnhundertvierundachtzig. Da meldete ein Mann in New York ein Patent an. Auf den Tintenleiter. Also genau auf den Kanal, von dem ich dir erzählt habe. Nicht die Feder war das Problem gewesen. Der Weg dorthin war es. Und jetzt kommt die Zahl, die ich am schönsten finde. Im ersten Geschäftsjahr entstanden dort zweihundert Federhalter. Zweihundert. Nicht zweihunderttausend. Gefertigt an einem Küchentisch, im Hinterzimmer eines Zigarettengeschäfts. Daraus wurde eine ganze Industrie. In Deutschland fing es sogar etwas früher an. Achtzehnhunderteinundsiebzig gründete einer der ersten Hersteller seinen Betrieb … und erfand außerdem eine Feder, die in jeder Richtung gleich dick schreibt. Achtzehnhundertneunundneunzig meldete ein Ingenieur in Hennef an der Sieg … den ersten Hebelfüller an. Also den Halter mit dem Sack und dem Hebel. Neunzehnhundertsechs kam ein Hersteller dazu, dessen Namen jeder kennt … und neunzehnhundertfünfundzwanzig kaufte ein anderer das Patent für den Kolbenfüller. Von einem ungarischen Ingenieur. Vier Jahre später kam der erste Halter damit. Und dann veränderte ein Material das Aussehen von allem. Denn vorher waren die Gehäuse aus gehärtetem Kautschuk. Als Zelluloid dazukam, ging auf einmal eine viel breitere Palette an Farben. Und jedes Muster. Aus einem schwarzen Werkzeug wurde ein Gegenstand, den man aussucht. Und was dieser Stift ersetzt hat, macht seine Bedeutung erst deutlich. Vorher brauchte man zum Schreiben drei Dinge auf dem Tisch. Eine Feder, die man in Tinte tauchte. Ein Tintenfass dazu. Und Sand oder ein Löschgerät für die feuchte Schrift. Drei Gegenstände, die man nicht mitnehmen konnte. Der Füllhalter machte daraus einen einzigen, der in eine Tasche passt. Und damit gehört er zu den Dingen, aus denen das Büro geworden ist … wie wir es kennen.

Wie es weiterging, ist schnell erzählt. Der Füller bekam Konkurrenz. Denn in den vierziger und fünfziger Jahren blieb der Füller vorn. Und zwar nicht aus Treue. Sondern weil die frühen Kugelschreiber schlecht waren. Sie waren teuer. Sie liefen aus. Und sie schrieben unregelmäßig. Ab den sechziger Jahren wurde das besser. Und damit war es entschieden. Der Kugelschreiber wurde der Stift für den Alltag. Geblieben ist der Füller an zwei Stellen. Auf dem Schreibtisch, als schönes Gerät. Und in der Schule. In Deutschland und in Frankreich lernen Kinder bis heute mit dem Patronenfüller. Er ist dort die letzte Stufe. Nach dem Wachsmalstift und dem Bleistift. Meistens in der zweiten Klasse. Und in manchen Schulen bekommt man dafür einen kleinen Ausweis. Einen Führerschein für einen Stift. Eine Sorte Tinte darf man in so einen Halter allerdings nicht füllen. Die pigmentierte. Denn die Teilchen setzen sich im Kanal ab. Es gibt einzelne Ausnahmen, die dafür gemacht sind. Und es gibt einen Halter, der etwas gegen das Eintrocknen tut. In seiner Kappe sitzt eine Kammer mit Leitungswasser. Und durch eine dünne Haut gibt sie ganz langsam Feuchtigkeit ab. Damit die Feder und der Kanal nicht eintrocknen, während der Stift liegt. Ein Stift mit einer eigenen kleinen Luftfeuchtigkeit. Und es gibt einen Tag im Jahr für dieses Gerät. Den ersten Freitag im November.

Es ist spät geworden am Schreibtisch. Die Lampe brennt noch. Das Glas mit der Tinte steht daneben, verschlossen. Auf dem Papier steht ein Wort. Und es ist dunkelblau. Fast schwarz, aber eben noch nicht schwarz. Aber in dem Papier passiert jetzt etwas, das niemand sieht. Luft kommt an das Eisen. Das Eisen verändert sich. Und dann verbindet es sich mit dem Stoff aus der Kugel am Eichenblatt … zu etwas, das dunkel ist und sich nicht mehr löst. Das dauert ungefähr einen Tag. Ohne Zutun. Man schreibt blau. Und am nächsten Tag ist es schwarz. Und du darfst jetzt schlafen. Das Wort auf dem Papier wird dunkler, während du schläfst. Morgen früh, wenn die Lampe aus ist und Tageslicht durchs Fenster kommt … ist aus dem Blau ein Schwarz geworden. Und es wird dort sehr lange stehen bleiben. Weil es nicht auf dem Papier liegt, sondern darin. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.

Quelle und Lizenz

Dieser Text beruht auf den Wikipedia-Artikeln «Tinte», «Eisengallustinte», «Gallapfel» und «Füllfederhalter». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.

Verwendete Fassungen: «Tinte» Version 268346923, abgerufen am 22. August 2026, «Eisengallustinte» Version 269571645, abgerufen am 22. August 2026, «Gallapfel» Version 260336874, abgerufen am 22. August 2026 und «Füllfederhalter» Version 269172288, abgerufen am 22. August 2026.

Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Verantwortlich für Themenauswahl und Stichproben ist Michael Feer. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.